Principal Eine kurze Geschichte der Menschheit

Eine kurze Geschichte der Menschheit

,
Krone der Schöpfung?

Vor 100 000 Jahren war der Homo sapiens noch ein unbedeutendes Tier, das unauffällig in einem abgelegenen Winkel des afrikanischen Kontinents lebte. Unsere Vorfahren teilten sich den Planeten mit mindestens fünf weiteren menschlichen Spezies, und die Rolle, die sie im Ökosystem spielten, war nicht größer als die von Gorillas, Libellen oder Quallen. Vor 70 000 Jahren dann vollzog sich ein mysteriöser und rascher Wandel mit dem Homo sapiens, und es war vor allem die Beschaffenheit seines Gehirns, die ihn zum Herren des Planeten und zum Schrecken des Ökosystems werden ließ. Bis heute hat sich diese Vorherrschaft stetig zugespitzt: Der Mensch hat die Fähigkeit zu schöpferischem und zu zerstörerischem Handeln wie kein anderes Lebewesen.

Anschaulich, unterhaltsam und stellenweise hochkomisch zeichnet Yuval Harari die Geschichte des Menschen nach und zeigt alle großen, aber auch alle ambivalenten Momente unserer Menschwerdung.
Categories:
Año:
2013
Editorial:
Deutsche Verlags-Anstalt
Idioma:
german
Páginas:
483
File:
PDF, 4.51 MB
Descarga (pdf, 4.51 MB)

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Language:
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Year:
2009
Language:
english
File:
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Yuval Noah Harari

Eine kurze Geschichte
der Menschheit
Aus dem Englischen
von Jürgen Neubauer

Deutsche Verlags-Anstalt

Die hebräische Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel
A Brief History of Mankind – Kizur Toldot Ha-Enoshut
bei Kinneret Zmora-Bitan Dvir in Or Yehuda erschienen.

1. Auflage
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
2013 by Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Karten und Grafiken: Peter Palm, Berlin
Typografie und Satz: DVA/Brigitte Müller
ISBN 978-3-641-10498-6
www.dva.de

Im Andenken an meinen Vater
Shlomo Harari

Inhalt
TEIL 1
DIE KOGNITIVE
REVOLUTION
Kapitel 1
Ein ziemlich unauffälliges Tier
Kapitel 2
Der Baum der Erkenntnis
Kapitel 3
Ein Tag im Leben von Adam und Eva
Kapitel 4
Die Sintflut
TEIL 2
DIE LANDWIRTSCHAFTLICHE
REVOLUTION
Kapitel 5
Der größte Betrug der Geschichte
Kapitel 6
Pyramiden bauen
Kapitel 7
Speicher voll
Kapitel 8
Die Geschichte ist nicht gerecht

TEIL 3
DIE VEREINIGUNG DER
MENSCHHEIT
Kapitel 9
Der Pfeil der Geschichte
Kapitel 10
Der Geruch des Geldes
Kapitel 11
Der Traum vom Weltreich
Kapitel 12
Das Gesetz der Religion
Kapitel 13
Das Erfolgsgeheimnis
TEIL 4
DIE WISSENSCHAFTLICHE
REVOLUTION
Kapitel 14
Die Entdeckung der Unwissenheit
Kapitel 15
Wissenschaft und Weltreich
Kapitel 16
Die Religion des Kapitalismus
Kapitel 17
Das Räderwerk der Industrie
Kapitel 18
Eine permanente Revolution

Kapitel 19
Und sie lebten glücklich
bis ans Ende ihrer Tage
Kapitel 20
Das Ende des Homo sapiens
Nachwort
Von Tieren zu Göttern
Karten
Abbildungen

TEIL 1
DIE KOGNITIVE
REVOLUTION

1. Abdruck einer menschlichen Hand in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich. Diese
Kunstwerke sind etwa 30000 Jahre alt und wurden von Menschen hinterlassen, die aussahen,
dachten und fühlten wie wir. Vielleicht wollte er oder sie sagen: »Ich war hier!«

Kapitel 1
Ein ziemlich unauffälliges Tier

Vor rund 13,5 Milliarden Jahren entstanden Materie, Energie, Raum und Zeit
in einem Ereignis namens Urknall. Die Geschichte dieser grundlegende; n
Eigenschaften unseres Universums nennen wir Physik.
Etwa 300000 Jahre später verbanden sich Materie und Energie zu
komplexeren Strukturen namens Atome, die sich wiederum zu Molekülen
zusammenschlossen. Die Geschichte der Atome, Moleküle und ihrer
Reaktionen nennen wir Chemie.
Vor 3,8 Milliarden Jahren begannen auf einem Planeten namens Erde
bestimmte Moleküle, sich zu besonders großen und komplexen Strukturen zu
verbinden, die wir als Organismen bezeichnen. Die Geschichte dieser
Organismen nennen wir Biologie.
Und vor gut 70000 Jahren begannen Organismen der Art Homo sapiens mit
dem Aufbau von noch komplexeren Strukturen namens Kulturen. Die
Entwicklung dieser Kulturen nennen wir Geschichte.
Die Geschichte der menschlichen Kulturen wurde von drei großen
Revolutionen geprägt. Die kognitive Revolution vor etwa 70000 Jahren
brachte die Geschichte überhaupt erst in Gang. Die landwirtschaftliche
Revolution vor rund 12000 Jahren beschleunigte sie. Und die
wissenschaftliche Revolution, die vor knapp 500 Jahren ihren Anfang nahm,
könnte das Ende der Geschichte und der Beginn von etwas völlig Neuem
sein. Dieses Buch erzählt, welche Konsequenzen diese drei Revolutionen für
den Menschen und seine Mitlebewesen hatten und haben.
Menschen gab es schon lange vor dem Beginn der Geschichte. Die ersten
menschenähnlichen Tiere betraten vor etwa 2,5 Millionen Jahren die Bühne.

Aber über zahllose Generationen hinweg stachen sie nicht aus der Vielzahl
der Tiere heraus, mit denen sie ihren Lebensraum teilten. Wenn wir 2
Millionen Jahre in die Vergangenheit reisen und einen Spaziergang durch
Ostafrika unternehmen könnten, würden wir dort vermutlich Gruppen von
Menschen begegnen, die äußerlich gewisse Ähnlichkeit mit uns haben.
Besorgte Mütter tragen ihre Babys auf dem Arm, Kinder spielen im Matsch.
Von
irgendwoher
dringt
das
Geräusch
von
Steinen,
die
aufeinandergeschlagen werden, und wir sehen einen ernst dreinblickenden
jungen Mann, der sich in der Kunst der Werkzeugherstellung übt. Die
Technik hat er sich bei zwei Männern abgeschaut, die sich gerade um einen
besonders fein gearbeiteten Feuerstein streiten; knurrend und mit gefletschten
Zähnen tragen sie eine weitere Runde im Kampf um die Vormachtstellung in
der Gruppe aus. Währenddessen zieht sich ein älterer Herr mit weißen Haaren
aus dem Trubel zurück und streift allein durch ein nahe gelegenes Waldstück,
wo er von einer Horde Schimpansen überrascht wird.
Diese Menschen liebten, stritten, zogen ihren Nachwuchs auf und erfanden
Werkzeuge – genau wie die Schimpansen. Niemand, schon gar nicht die
Menschen selbst, konnte ahnen, dass ihre Nachfahren eines Tages über den
Mond spazieren, Atome spalten, das Genom entschlüsseln oder
Geschichtsbücher schreiben würden. Die prähistorischen Menschen waren
unauffällige Tiere, die genauso viel oder so wenig Einfluss auf ihre Umwelt
hatten wie Gorillas, Libellen oder Quallen.
Biologen teilen Lebewesen in verschiedene Arten ein. Tiere gehören
derselben Art an, wenn sie sich miteinander paaren und fortpflanzungsfähige
Nachkommen zeugen. Pferde und Esel haben einen gemeinsamen Vorfahren
und viele gemeinsame Eigenschaften, doch was die Fortpflanzung angeht,
haben sie kein Interesse aneinander. Man kann sie zwar dazu bringen, sich zu
paaren, doch die Maultiere, die aus dieser Verbindung hervorgehen, sind
unfruchtbar. Das ist ein Zeichen dafür, dass sie unterschiedlichen Arten
angehören. Anders Bulldoggen und Cockerspaniel: Sie unterscheiden sich
zwar äußerlich ganz erheblich, doch sie paaren sich sehr bereitwillig, und ihr
Nachwuchs kann mit anderen Hunden neue Welpen zeugen. Bulldoggen und
Cockerspaniel sind also Angehörige derselben Art, nämlich der Hunde.

Arten mit einem gemeinsamen Vorfahren werden oft zu Gattungen
zusammengefasst. Löwen, Tiger, Leoparden und Jaguare sind beispielsweise
unterschiedliche Arten der Gattung Panthera. Biologen geben Lebewesen
zweiteilige lateinische Namen: der erste Teil bezeichnet die Gattung, der
zweite die Art. Der Löwe heißt zum Beispiel Panthera leo: die Art Leo aus
der Gattung der Panthera. Als Leser dieses Buchs gehören Sie vermutlich
den Homo sapiens an – der Art Sapiens (weise) aus der Gattung Homo
(Mensch).
Gattungen werden wiederum zu Familien zusammengefasst, zum Beispiel
den Katzen (Löwen, Geparden, Hauskatzen), Hunden (Wölfe, Füchse,
Schakale) oder Elefanten (Elefanten, Mammuts, Mastodonten). Alle
Angehörigen einer Familie lassen sich auf einen gemeinsamen Urahn
zurückführen. Alle Katzen, vom zahmsten Hauskätzchen zum wildesten
Löwen, gehen auf einen gemeinsamen Katzenvorfahren zurück, der vor rund
25 Millionen Jahren lebte.
Natürlich gehört auch der Homo sapiens einer Familie an. Diese scheinbar
so banale Tatsache war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Geschichte.
Der Homo sapiens tat nämlich lange so, als habe er nichts mit dem Rest der
Tierwelt zu tun und sei ein Waisenkind ohne Geschwister und Vettern und
vor allem ohne Eltern. Das ist natürlich nicht der Fall. Ob es uns gefällt oder
nicht, wir gehören der großen und krawalligen Familie der Menschenaffen
an. Unsere nächsten lebenden Verwandten sind Gorillas und Orang-Utans.
Am allernächsten stehen uns jedoch die Schimpansen. Vor gerade einmal
sechs Millionen Jahren brachte eine Äffin zwei Töchter zur Welt: Eine der
beiden wurde die Urahnin aller Schimpansen, die andere ist unsere eigene UrUr-Ur-Großmutter.
Leichen im Keller
Der Homo sapiens hat aber ein noch viel dunkleres Geheimnis gehütet. Wir
haben nämlich nicht nur eine Horde von unzivilisierten Vettern. Es gab eine
Zeit, in der wir auch eine Menge Brüder und Schwestern hatten. Wir nehmen
zwar den Namen »Mensch« für uns allein in Anspruch, doch früher gab es

auch eine ganze Reihe anderer Menschenarten. Menschen waren sie deshalb,
weil sie der Gattung Homo angehörten, die vor rund 2,5 Millionen Jahren aus
einer älteren Affengattung namens Australopithecus, dem »südlichen Affen«,
hervorging. Vor rund 2 Millionen Jahren verließen diese Urmenschen ihre
ursprüngliche Heimat in Ostafrika und machten sich auf den langen Marsch
nach Nordafrika, Europa und Asien. Und da das Überleben in den
verschneiten Wäldern Nordeuropas andere Fähigkeiten erfordert als im
schwülen Dschungel Indonesiens, entwickelten sich die Auswanderergruppen
in unterschiedliche Richtungen. Das Ergebnis waren verschiedene Arten, die
von Wissenschaftlern mit jeweils eigenen, hochtrabend klingenden
lateinischen Namen getauft wurden.
In Europa und Westasien entwickelte sich der Mensch zum Homo
neanderthalensis, dem »Mensch aus dem Neandertal« oder kurz
Neandertaler. Dieser Neandertaler war kräftiger gebaut und muskulöser als
der moderne Mensch und bestens auf das Eiszeitklima in Eurasien eingestellt.
Auf der indonesischen Insel Java lebte dagegen der Homo soloensis, der
»Solo-Mensch«, der besser an das Leben in den Tropen angepasst war.
Ebenfalls im indonesischen Archipel, auf der kleinen Insel Flores, lebten
Menschen, die in der Presse gern salopp als »Hobbits« bezeichnet werden,
die in der Wissenschaft jedoch als Homo floresiensis bekannt sind. Diese
speerschwingenden Zwerge wurden nur einen Meter groß und wogen gerade
einmal 25 Kilogramm. Feige waren sie trotzdem nicht: Sie machten sogar
Jagd auf die Elefanten der Insel (wobei man dazusagen sollte, dass es sich um
Zwergelefanten handelte). Die Weiten Asiens wurden schließlich vom Homo
erectus bevölkert, dem »aufrecht gehenden Menschen«, der hier anderthalb
Millionen Jahre lang überlebte und damit die langlebigste Menschenart aller
Zeiten war.
Als Wissenschaftler im Jahr 2010 bei Ausgrabungen in der DenissowaHöhle in Sibirien auf einen versteinerten Fingerknochen stießen, wurde ein
weiteres Geschwisterchen entdeckt und damit vor dem Vergessen bewahrt.
Genanalysen ergaben, dass es sich um eine bis dahin unbekannte
Menschenart handelte, die den Namen Homo denisova erhielt. Wer weiß, wie
viele Verwandte noch darauf warten, in anderen Höhlen, Klimaten und

Inselreichen entdeckt zu werden.

2. Und so könnten unsere Geschwister ausgesehen haben. Von links: Homo rudolfensis
(Ostafrika, vor rund 2 Millionen Jahren), Homo erectus (Asien, vor rund 2 Millionen Jahren,
ausgestorben vor rund 50000 Jahren) und Homo neanderthalensis (Europa und Westasien,
vor rund 400000 Jahren, ausgestorben vor rund 30000 Jahren). Es handelt sich jedoch um
spekulative Rekonstruktionen, die mit gewisser Vorsicht zu genießen sind.

Während sich diese Menschen in Europa und Asien entwickelten, blieb die
Evolution in Afrika natürlich nicht stehen. Die Wiege der Menschheit brachte
zahlreiche neue Arten hervor, darunter den Homo rudolfensis, den
»Menschen vom Rudolfsee«, den Homo ergaster, den »werkenden
Menschen«, und schließlich unsere eigene Art, die wir in der für uns
typischen Bescheidenheit Homo sapiens, den »weisen Menschen« getauft
haben.
Einige dieser Menschenarten waren Riesen, andere Zwerge. Einige waren
gefürchtete Jäger, andere friedliebende Vegetarier. Einige lebten auf einer
einzigen Insel, andere durchstreiften ganze Kontinente. Aber sie alle gehörten
der Gattung Homo an: Sie waren Menschen.
Lange glaubte man, dass diese Arten in einem langen Stammbaum
aufeinanderfolgten: Aus dem ergaster ging der erectus hervor, aus dem
erectus der Neandertaler und aus dem Neandertaler schließlich wir. Diese

Vorstellung ist jedoch falsch und erweckt den irrigen Eindruck, dass immer
nur eine Menschenart den Planeten bevölkerte und dass alle anderen Arten
nichts anderes waren als Vorläufermodelle des modernen Menschen. In
Wirklichkeit lebten zwei Millionen Jahre lang, bis vor rund 10000 Jahren,
gleichzeitig mehrere Menschenarten auf unserem Planeten. Warum auch
nicht? Heute existieren ja auch viele Arten von Füchsen, Bären oder
Schweinen nebeneinander. Noch vor hunderttausend Jahren gab es
mindestens sechs verschiedene Menschenarten. Diese Vielfalt ist viel
weniger erstaunlich als die Tatsache, dass wir heute allein sind. Im Gegenteil,
wenn wir heute die einzige verbliebene Menschenart sind, dann wirft das
einige Fragen auf. Wie wir gleich noch sehen werden, könnte der Homo
sapiens gute Gründe gehabt haben, die Erinnerung an seine Geschwister zu
verdrängen.
Der Preis des Gehirns
Bei allen Unterschieden haben die verschiedenen Menschenarten einige
entscheidende Gemeinsamkeiten, die sie überhaupt erst zu Menschen
machen. Vor allem verfügen sie im Vergleich zu anderen Tieren über
ungewöhnlich große Gehirne. Säugetiere mit einem Körpergewicht von 60
Kilogramm haben im Durchschnitt ein Gehirn mit einem Volumen von 200
Kubikzentimetern. Das Gehirn eines Homo sapiens dieses Gewichts misst
dagegen stolze 1200 bis 1400 Kubikzentimeter. Die ersten Menschen, die vor
2,5 Millionen Jahren lebten, hatten zwar noch ein kleineres Gehirn, doch im
Vergleich zu dem eines Leoparden, der etwa genauso viel wog, war es sehr
groß. Im Laufe der Entwicklung sollte dieser Unterschied immer größer
werden.
Rückblickend scheint es uns vollkommen logisch, dass die Evolution immer
größere Gehirne hervorbrachte. Weil wir derart in unsere Intelligenz verliebt
sind, gehen wir davon aus, dass mehr Hirnpower automatisch besser ist. Aber
wenn dem so wäre, dann hätte die Evolution doch sicher auch Katzen
hervorgebracht, die Differenzialgleichungen lösen können. Warum hat also
im gesamten Tierreich nur die Gattung Homo einen derart leistungsfähigen

Denkapparat entwickelt?
Tatsache ist, dass ein solch gewaltiges Gehirn auch gewaltige Kraft kostet.
Schon rein körperlich ist es eine Last, zumal es in einem schweren Schädel
herumgeschleppt werden muss. Vor allem aber frisst es Unmengen an
Energie. Beim Homo sapiens macht das Gehirn zwar nur 2 bis 3 Prozent des
gesamten Körpergewichts aus, doch im Ruhezustand verbraucht es sage und
schreibe 25 Prozent der Körperenergie. Zum Vergleich: Bei anderen Affen
sind es nur rund 8 Prozent. Unsere Vorfahren zahlten einen hohen Preis für
ihr großes Gehirn: Erstens mussten sie mehr Zeit mit der Nahrungssuche
zubringen, und zweitens bildeten sich ihre Muskeln zurück. Wie ein Staat,
der den Militärhaushalt kürzt und in die Bildung investiert, lenkte der
Mensch seine Energie von Muskelmasse in Hirnschmalz um. Dabei war
keineswegs klar, dass dies in der Savanne eine kluge Überlebensstrategie
war. Ein Homo sapiens kann einen Schimpansen zwar an die Wand
diskutieren, doch der Affe kann den Menschen auseinandernehmen wie ein
Stoffpüppchen.
Es scheint sich allerdings gelohnt zu haben, denn sonst hätten die Menschen
mit ihren überdimensionierten Gehirnen schließlich nicht überlebt. Nur wie
macht der Zuwachs an Hirn den Verlust an Muckis wett? Im Zeitalter von
Albert Einstein mag diese Frage albern klingen, aber wir sollten nicht
vergessen, dass Einstein noch ein recht junges Phänomen ist. Zwei Millionen
Jahre lang wuchs das menschliche Gehirn zwar munter weiter, aber
abgesehen von einigen Steinmessern und angespitzten Stöcken brachte es den
Menschen recht wenig. Aus evolutionärer Sicht ist die Entwicklung des
menschlichen Gehirns mindestens genauso paradox wie die Entwicklung von
unhandlichen Pfauenfedern oder schweren Hirschgeweihen. Wozu der ganze
Aufwand?
Eine andere menschliche Eigenheit ist der aufrechte Gang. Auf zwei Beinen
stehend konnten unsere Vorfahren in der Savanne besser nach Futter oder
Feinden Ausschau halten. Und die Arme, die nun nicht mehr zur
Fortbewegung gebraucht wurden, ließen sich zu anderen Zwecken nutzen,
etwa um Steine zu werfen oder Zeichen zu geben.
Nachdem die Hände durch den zweibeinigen Gang frei geworden waren,

ließen sie sich zu allen möglichen Tätigkeiten verwenden. Je mehr sie
bewerkstelligen konnten, umso erfolgreicher wurden ihre Besitzer, weshalb
die Evolution eine zunehmende Konzentration von Nerven und fein
aufeinander abgestimmten Muskeln in Händen und Fingern förderte. So
kommt es, dass wir mit unseren Händen filigranste Tätigkeiten ausführen
können. Vor allem können wir komplizierte Werkzeuge herstellen und
benutzen. Die ältesten Hinweise auf den Gebrauch von Werkzeugen reichen
2,5 Millionen Jahre zurück, und wenn Archäologen einen neuen Fund
machen, sind Spuren ihrer Herstellung und Verwendung ein entscheidender
Hinweis, dass es sich tatsächlich um frühe Menschen handelt.
Aber auch der aufrechte Gang hatte seine zwei Seiten. Unsere äffischen
Vorfahren hatten über Jahrmillionen hinweg ein Skelett entwickelt, das für
den Gang auf vier Beinen ausgelegt war und nur einen relativ leichten Kopf
zu tragen hatte. Die Umstellung zum aufrechten Gang stellte eine beachtliche
Herausforderung dar, zumal das Gestell einen immer schwereren Schädel
tragen musste. Der Preis für die bessere Sicht und fleißige Hände waren
Rückenschmerzen und steife Hälse.
Die Menschenweibchen kam die Umstellung noch teurer zu stehen. Der
aufrechte Gang verlangte schmalere Hüften und damit einen engeren
Geburtskanal – und das obwohl gleichzeitig die Köpfe der Säuglinge immer
größer wurden. Daher liefen sie zunehmend Gefahr, die Geburt ihres
Nachwuchses nicht zu überleben. Die Weibchen, die ihre Jungen zu einem
früheren Zeitpunkt zur Welt brachten, als der Kopf noch verhältnismäßig
klein und formbar war, überlebten eher und bekamen mehr Nachwuchs. Auf
diese Weise sorgte ein Prozess der natürlichen Auslese dafür, dass die Kinder
immer früher geboren wurden. Im Vergleich zu anderen Tieren sind
menschliche Säuglinge Frühgeburten: Sie kommen halbfertig zur Welt, wenn
überlebenswichtige Systeme noch unterentwickelt sind. Ein Fohlen steht kurz
nach der Geburt auf eigenen Beinen, und ein Katzenjunges fängt im Alter
von wenigen Wochen an, seine Umwelt zu erkunden. Menschenjunge sind
dagegen bei Geburt völlig hilflos und müssen von ihren Eltern über Jahre
hinweg ernährt, beschützt und aufgezogen werden.
Dieser Tatsache verdankt die Menschheit ihre außergewöhnlichen

Fähigkeiten, aber auch viele der für sie typischen Schwierigkeiten.
Alleinerziehende Mütter sind kaum in der Lage, die Nahrung für sich und
ihren Nachwuchs heranzuschaffen, während sie ihre quäkenden Kinder im
Schlepptau haben. Die Aufzucht der Sprösslinge erfordert konstante
Unterstützung von Verwandten und Nachbarn. Zur Erziehung eines Kindes
ist ein ganzer Stamm erforderlich. Daher hat die Evolution diejenigen
bevorzugt, die in der Lage waren, starke soziale Beziehungen einzugehen. Da
Menschen in einem frühen Entwicklungsstadium geboren werden, sind sie
außerdem formbarer als alle anderen Lebewesen. Die meisten anderen Tiere
kommen weitgehend fertig aus dem Mutterleib, wie gebrannte Töpfe aus
einem Ofen. Jeder Versuch, sie zu verändern, würde sie zerbrechen.
Menschliche Säuglinge kommen dagegen eher wie geschmolzenes Glas aus
dem Ofen; sie lassen sich noch erstaunlich gut ziehen, drehen und formen.
Deshalb können wir unsere Kinder heute zu Christen oder Buddhisten,
Kapitalisten oder Sozialisten, Kriegern oder Pazifisten erziehen.

*
Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass ein großes Gehirn, der
Gebrauch von Werkzeugen, verbesserte Lernfähigkeit und komplexe
gesellschaftliche Strukturen automatisch einen gewaltigen Überlebensvorteil
darstellen. Aus heutiger Sicht scheint es uns vollkommen offensichtlich, dass
der Mensch seinen Aufstieg zum mächtigsten Tier der Erde nur diesen
Eigenschaften verdankt. Doch trotz dieser Vorteile blieben die Menschen
zwei Millionen Jahre lang schwache und unauffällige Geschöpfe. Zwischen
Indonesien und der spanischen Halbinsel lebten nicht einmal eine Million
Menschen, und das mehr schlecht als recht. Sie lebten in dauernder Angst vor
Raubtieren, erlegten selten große Beute und ernährten sich vor allem von
Pflanzen, Insekten, Kleintieren und dem Aas, das größere Fleischfresser
zurückgelassen hatten.
Die Steinwerkzeuge verwendeten sie übrigens hauptsächlich, um Knochen
zu knacken und an das Mark in deren Inneren zu gelangen. Einige
Wissenschaftler meinen, dies sei unsere ökologische Nische gewesen: Genau

wie sich die Spechte darauf spezialisiert haben, Insekten aus der Baumrinde
herauszupicken, verlegten sich die Menschen darauf, das Mark aus den
Knochen zu pulen. Aber warum ausgerechnet Knochenmark? Ganz einfach:
Stellen Sie sich vor, Sie beobachten, wie ein Löwenrudel eine Giraffe zur
Strecke bringt und sich daran gütlich tut. Sie warten geduldig ab, bis sich die
Raubkatzen den Magen vollgeschlagen haben, und dann sehen sie zu, wie
sich die Hyänen und Schakale (mit denen Sie sich auf keinen Fall anlegen
wollen) über die Reste hermachen. Erst dann wagen Sie sich mit Ihrer Horde
aus der Deckung, schleichen sich an die verbleibenden Knochen heran und
suchen nach den letzten Fetzchen von essbarem Gewebe.
Dies ist auch ein Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Geschichte
und Psyche. Bis vor Kurzem befand sich die Gattung Homo irgendwo in der
Mitte der Nahrungskette. Jahrmillionen lang jagten Menschen kleinere Tiere
und aßen, was sie eben bekommen konnten, während sie gleichzeitig auf dem
Speisezettel von größeren Räubern standen. Erst vor 400000 Jahren begannen
einige Menschenarten damit, regelmäßig auch größeren Beutetieren
nachzustellen. Erst in den vergangenen 100000 Jahren, mit dem Aufstieg des
Homo sapiens, schaffte die Gattung Mensch den Sprung an die Spitze der
Nahrungskette.
Dieser spektakuläre Aufstieg hatte weitreichende Auswirkungen. Die
Menschen waren es nicht gewöhnt, an der Spitze der Nahrungskette zu
stehen, und konnten nicht sonderlich gut mit dieser neuen Rolle umgehen.
Andere Raubtiere wie Löwen oder Haie hatten sich über Jahrmillionen
hinweg hochgebissen und angepasst. Die Menschen dagegen fanden sich fast
von einem Tag auf den anderen an der Spitze wieder und hatten kaum
Gelegenheit, sich darauf einzustellen. Viele Katastrophen der
Menschheitsgeschichte lassen sich mit dieser überhasteten Entwicklung
erklären, angefangen von der Massenvernichtung in Kriegen bis hin zur
Zerstörung unserer Ökosysteme. Die Menschheit ist kein Wolfsrudel, das
durch einen unglücklichen Zufall Panzer und Atombomben in die Finger
bekam. Die Menschheit ist vielmehr eine Schafherde, die dank einer Laune
der Evolution lernte, Panzer und Atombomben zu bauen. Aber bewaffnete
Schafe sind ungleich gefährlicher als bewaffnete Wölfe.

Das kochende Tier
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg an die Spitze der Nahrungskette war die
Bändigung des Feuers. Wir wissen nicht genau, wann, wo und wie Menschen
dies schafften. Doch vor rund 300000 Jahren scheint das Feuer für viele zum
Alltag gehört zu haben. Damit hatten sie eine verlässliche Licht- und
Wärmequelle und eine wirkungsvolle Waffe gegen die lauernden Löwen.
Damals starteten die Menschen ihre ersten großangelegten Unternehmungen:
die gezielte Brandrodung von Wäldern. Nachdem die Feuer erloschen waren,
wanderten die Steinzeitunternehmer durch die Asche und sammelten
geröstete Tiere, Nüsse und Wurzeln ein. Ihnen folgten die ersten
Landschaftsplaner. Mit einem sorgfältig gelegten Buschfeuer ließ sich ein
undurchdringliches Dickicht in eine Steppe verwandeln, auf der es von
Beutetieren nur so wimmelte. Aber das Beste am Feuer war, dass man damit
kochen konnte.
Die Kochkunst erschloss der Menschheit neue Regalreihen im Supermarkt
der Natur. Pflanzen, die der menschliche Magen in roher Form nicht
verwerten konnte – zum Beispiel Weizen, Reis oder Kartoffeln –, wanderten
plötzlich auf die Liste der Grundnahrungsmittel. Das Feuer veränderte jedoch
nicht nur die Chemie der Nahrungsmittel, sondern auch ihre Biologie. Die
Hitze tötete Bakterien und Parasiten ab und machte traditionelle Leckerbissen
wie Früchte, Nüsse, Insekten und Aas leichter kau- und verdaubar. Während
Schimpansen fünf Stunden am Tag damit zubrachten, auf ihrer Rohkost
herumzukauen, reichte den Menschen mit ihren gekochten Mahlzeiten eine
Stunde.
Dank dieser Erfindung konnten die Menschen eine größere Bandbreite von
Nahrungsmitteln zu sich nehmen, sie sparten Zeit beim Essen und kamen mit
kleineren Zähnen und kürzeren Därmen aus. Einige Wissenschaftler sehen
einen direkten Zusammenhang zwischen der Entdeckung des Kochens, der
Verkürzung des Darms und dem Wachstum des Gehirns. Da lange Därme
genauso große Energiefresser sind wie große Gehirne, ist es kaum möglich,
beide gleichzeitig zu unterhalten. Weil das Kochen jedoch eine Verkürzung
des Verdauungstrakts und damit Energieeinsparungen ermöglichte, bereitete

es ganz nebenbei den gewaltigen Gehirnen des Neandertalers und des Homo
sapiens den Boden.1
Das Feuer riss außerdem einen ersten Graben zwischen den Menschen und
dem Rest der Tierwelt auf. Die Stärke eines Tiers hängt in der Regel direkt
mit seinen körperlichen Eigenschaften zusammen, zum Beispiel seiner
Muskelkraft, seiner Flügelspannweite oder der Größe seiner Zähne. Obwohl
Tiere in der Lage sind, Luft- oder Wasserströmungen für sich zu nutzen,
stellen ihre körperlichen Anlagen immer eine Obergrenze dar, die sie nicht
überwinden können. Adler sind zwar imstande, aufsteigende Warmluft zu
erkennen und sich von der Thermik nach oben tragen zu lassen. Aber sie
können diese Luftsäulen nicht nach Belieben an- und abschalten, und die
Kraft, mit der sie ihre Beute abtransportieren können, hängt immer von ihrer
Flügelspannweite ab.
Als die Menschen das Feuer bändigten, erlangten sie dagegen die Kontrolle
über eine willige und potenziell grenzenlose Kraft. Anders als die Adler
konnten sie frei entscheiden, wann und wo sie ein Feuer entzündeten, und sie
konnten dieses neue Werkzeug für eine ganze Reihe von Tätigkeiten
einsetzen. Vor allem aber war die Macht des Feuers nicht vom menschlichen
Körperbau abhängig. Mit einem Feuerstein oder einem Reibholz bewaffnet,
konnte eine einzelne Frau innerhalb weniger Stunden einen ganzen Wald
abfackeln. Die Bändigung des Feuers war ein erster Hinweis auf das, was
noch kommen sollte. In gewisser Hinsicht war es der erste Schritt auf dem
Weg zur Atombombe.
Der Hüter unserer Brüder
Wann kam die erste Homo sapiens zur Welt und wo lebte sie? Auf diese
Frage gibt es keine eindeutige Antwort, nur einige Theorien. Die meisten
Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass in Ostafrika vor 150000 Jahren
die ersten »anatomisch modernen Menschen« lebten. Wenn heute ein
Pathologe einen dieser Menschen auf dem Seziertisch vor sich hätte, dann
würde ihm nichts Besonderes auffallen. Wissenschaftler sind sich außerdem
einig, dass der Homo sapiens vor rund 70000 Jahren von Ostafrika nach

Arabien wanderte und sich von dort aus rasch über weite Teile Europas und
Asiens ausbreitete.

Karte 1. Der Homo sapiens erobert die Welt

Als der Homo sapiens nach Arabien kam, lebten in Europa und Asien
jedoch schon andere Menschenarten. Was passierte mit denen? Dazu gibt es
zwei widerstreitende Theorien. Die »Vermischungshypothese« erzählt eine
pikante Geschichte von gegenseitiger Anziehung, Vermischung und Sex.
Wenn man dieser Theorie glaubt, trieben es die afrikanischen Migranten auf
ihren Wanderungen mit allen, die ihnen über den Weg liefen. Daher
verdankten die verschiedenen Gruppen von Homo sapiens in aller Welt ihre
Gene und damit ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften zum Teil auch

den Angehörigen älterer Menschenarten.
Die zweite Theorie, die »Verdrängungshypothese«, zeichnet ein ganz
anderes Bild von Unverträglichkeit, gegenseitiger Ablehnung und vielleicht
sogar Völkermord. Nach dieser Theorie fanden die Neuankömmlinge aus
Afrika die alteingesessenen Menschen alles andere als attraktiv. Und selbst
wenn es hier und da zu Paarungen gekommen sein sollte, sei aus diesen
Verbindungen kein fortpflanzungsfähiger Nachwuchs hervorgegangen, weil
der genetische Graben zwischen beiden Arten bereits zu groß gewesen sei.
Oder vielleicht schlachteten die Einwanderer ihre fremd aussehenden
Konkurrenten ganz einfach ab. Nach dieser Hypothese verschwanden die
älteren Menschenarten, ohne genetische Spuren im modernen Menschen zu
hinterlassen. Wenn diese Theorie stimmt, gehen alle heute lebenden
Menschen ausschließlich auf Vorfahren zurück, die vor 70000 Jahren in
Ostafrika lebten.
In der Diskussion zwischen diesen beiden Hypothesen steht einiges auf dem
Spiel. Aus evolutionärer Sicht sind 70000 Jahre ein relativ kurzer Zeitraum.
Wenn die Verdrängungshypothese stimmt, haben alle Menschen mehr oder
weniger dasselbe genetische Material und die Unterschiede zwischen den
verschiedenen ethnischen Gruppierungen von heute sind vernachlässigbar.
Wenn dagegen die Vermischungshypothese stimmt, könnte es zwischen
Afrikanern, Europäern und Asiaten beachtliche genetische Unterschiede
geben, die Hunderttausende von Jahren zurückreichen. Rassisten würden es
sicher gern hören, dass Indonesier einmalige floresiensis-Gene mitbringen
und Chinesen klar unterscheidbare erectus-Gene.
Da die Beweislage unklar ist, neigt die Expertenmeinung mit jeder neuen
Entdeckung und jedem neuen Experiment mal zu der einen und mal zu der
anderen Hypothese. Ein entscheidender Zankapfel ist der Neandertaler. Diese
Menschen waren größer, muskulöser und besser an die Lebensbedingungen
in kalten Klimazonen angepasst als wir, und sie hatten außerdem ein
mindestens ebenso großes Gehirn. Sie benutzten Werkzeuge und Feuer,
waren ausgezeichnete Jäger, und es gibt Hinweise, dass sie ihre Toten
bestatteten und sich um Kranke und Schwache kümmerten. Archäologen
haben Knochen von Neandertalern gefunden, die jahrelang mit schweren

körperlichen Behinderungen überlebten, was darauf schließen lässt, dass sie
von den Angehörigen ihrer Gruppe versorgt worden sein müssen. Doch als
der Homo sapiens in ihren Lebensraum vordrang, wichen sie zurück und
verschwanden schließlich ganz. Die letzten Neandertaler, von denen wir
Kenntnis haben (weil wir ihre Knochen gefunden haben), lebten vor 30000
Jahren in Südspanien – aus Sicht der Evolution ist das so, als wäre das noch
gestern Abend gewesen.

3. Spekulative Rekonstruktion eines Neandertalerkindes. Genanalysen lassen darauf
schließen, dass zumindest ein Teil der Neandertaler hellhäutig gewesen sein könnte.

Nach der Vermischungshypothese kreuzten sich Sapiens2 und Neandertaler,
bis die beiden Arten ineinander aufgingen. Sollten die Vertreter dieser
Theorie Recht haben, verschwand der Neandertaler also nicht – vielmehr
tragen die heutigen Europäer und Asiaten den Neandertaler in sich. Vertreter
der Verdrängungshypothese widersprechen dem jedoch. Ihrer Ansicht nach

unterschieden sich Sapiens und Neandertaler nicht nur hinsichtlich ihres
Körperbaus, sondern auch hinsichtlich ihres Paarungsverhaltens und ihres
Körpergeruchs. Daher hätten sie vermutlich kaum Gefallen aneinander
gefunden. Selbst wenn ein Neandertaler-Romeo und eine Sapiens-Julia sich
unsterblich ineinander verliebt hätten, oder wenn ein Sapiens-Pascha sich
einen Harem von Neandertaler-Frauen gehalten hätte, dann wären ihre Kinder
vermutlich unfruchtbar gewesen. Vielmehr hätten die beiden Arten
nebeneinander gelebt, und als die Neandertaler ausstarben oder ausgerottet
wurden, verschwanden ihre Gene mit ihnen.
In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Forschung von der
Verdrängungshypothese beherrscht. Sie schien durch archäologische Beweise
untermauert zu werden und vor allem war sie politisch korrekt (die
Wissenschaftler hatten kein Interesse daran, ein rassistisches Fass
aufzumachen und von großen genetischen Unterschieden unter den modernen
Menschen zu sprechen). Das änderte sich jedoch im Jahr 2010, als nach
vierjähriger Arbeit Teile des Neandertalergenoms entschlüsselt worden
waren. Genforscher hatten ausreichende Mengen von intaktem Erbgut aus
den Fossilien von Neandertalern gesammelt, um einen Vergleich zwischen
modernen Menschen und ihren stämmigen Vorläufern anstellen zu können.
Die Ergebnisse verblüfften die Fachwelt: Es stellte sich heraus, dass 4
Prozent aller Gene der modernen Menschen in Europa und dem Nahen Osten
von Neandertalern stammen. So bescheiden das klingen mag, ist es gar nicht
wenig. Eine zweite Überraschung folgte einige Monate später, als sich
herausstellte, dass der Besitzer des versteinerten Fingers aus der DenissowaHöhle sogar 6 Prozent seines Erbguts mit den Genen der heutigen
Ureinwohner von Melanesien und Australien gemeinsam hatte.
Aber wie könnte die biologische Beziehung zwischen Sapiens,
Neandertalern und Denissowern ausgesehen haben? Offenbar waren es keine
grundsätzlich verschiedenen Arten, wie zum Beispiel Pferde und Esel. Aber
es handelte sich auch nicht einfach um verschiedene Unterarten derselben
Art, wie Doggen und Cockerspaniel. Die biologische Wirklichkeit ist selten
so eindeutig. Zwei Arten, die aus einem gemeinsamen Vorfahren
hervorgehen, wie Pferde und Esel, waren irgendwann einmal einfach

Varianten, wie Doggen und Cockerspaniel. Im Laufe der Evolution wurden
die Unterschiede immer größer, bis die beiden getrennte Wege gingen. Es
muss einen Punkt gegeben haben, an dem sich die Arten zwar schon deutlich
unterschieden, aber hin und wieder noch zeugungsfähige Nachkommen
hervorbringen konnten. Zwei oder drei Genmutationen später wurde die
Verbindung dann für immer gekappt.
An diesem Punkt müssen sich Sapiens, Neandertaler und Denissower vor
etwa 50000 Jahren befunden haben. Wie wir im kommenden Kapitel sehen
werden, unterschieden sich die Sapiens damals nicht nur genetisch und
körperlich, sondern auch hinsichtlich ihrer kognitiven und sozialen
Fähigkeiten erheblich von ihren Vettern. Trotzdem konnten sie in seltenen
Fällen noch Nachwuchs mit ihnen zeugen. Die Arten verschmolzen also nicht
– es gelang lediglich ein paar Neandertalergenen, als blinde Passagiere auf
den Sapiens-Express aufzuspringen. Es ist ein aufregender, aber auch
beunruhigender Gedanke, dass Sapiens irgendwann einmal in der Lage
waren, mit Angehörigen anderer Tierarten Nachkommen zu zeugen.
Aber wenn die Neandertaler nicht mit in Sapiens aufgingen, warum sind sie
dann verschwunden? Es kann durchaus sein, dass die Neandertaler
ausstarben, weil sie der Konkurrenz durch den Homo sapiens nicht
gewachsen waren. Stellen Sie sich vor, eine Gruppe von Sapiens kommt in
ein Tal auf dem Balkan, das seit Hunderttausenden Jahren von Neandertalern
bewohnt wird. Die Neuankömmlinge jagen Wild und sammeln Nüsse und
Beeren, die auch auf dem Speisezettel der Neandertaler stehen. Dank ihrer
überlegenen Technologie und Sozialkompetenz sind die Sapiens bessere
Jäger und Sammler und vermehren sich rasch. Die weniger geschickten
Neandertaler finden dagegen immer weniger Nahrung, ihre Population wird
stetig kleiner und stirbt irgendwann aus.
Es ist allerdings durchaus denkbar, dass der Konkurrenzkampf in Gewalt
und Blutvergießen ausartete. Der Homo sapiens ist nicht gerade für seine
Toleranz bekannt. In der Geschichte der Art reichte oft schon ein winziger
Unterschied in Hautfarbe, Dialekt oder Religion, damit eine Gruppe von
Sapiens eine andere ausrottete. Warum sollten die frühen Sapiens mit einer
gänzlich anderen Menschenart zimperlicher umgesprungen sein? Es ist gut

möglich, dass die Begegnung zwischen Sapiens und Neandertalern mit der
ersten und gründlichsten »ethnischen Säuberung« der Geschichte endete.
Was auch immer passiert sein mag, die Neandertaler bieten Anlass zu
faszinierenden Gedankenspielen. Stellen Sie sich vor, was passiert wäre,
wenn die Neandertaler neben dem Homo sapiens überlebt hätten. Welche
Kulturen, Gesellschaften und politischen Strukturen wären in einer Welt
entstanden, in der mehrere Menschenarten friedlich nebeneinander
existierten? Wie hätten sich beispielsweise die Religionen entwickelt?
Könnten wir heute in der Bibel lesen, dass der Neandertaler von Adam und
Eva abstammte? Wäre Jesus auch für die Sünden der Neandertaler ans Kreuz
genagelt worden? Würde der Koran allen Rechtgläubigen einen Platz im
Paradies versprechen, egal welcher Art sie angehören? Hätten die
Neandertaler in den Legionen des Römischen Reichs und in der ausufernden
Bürokratie der chinesischen Kaiser gedient? Hätte Karl Marx die Proletarier
aller Arten aufgerufen, sich zu vereinigen? Würde die Erklärung der
Menschenrechte für alle Angehörigen der Gattung Homo gelten?
In den vergangenen 30000 Jahren haben wir Sapiens uns derart daran
gewöhnt, die einzige Menschenart zu sein, dass es uns schwerfällt, uns eine
andere Möglichkeit auch nur vorzustellen. Ohne Brüder und Schwestern fiel
es uns leichter zu glauben, wir seien die Krone der Schöpfung, die durch
einen unüberwindlichen Abgrund vom Rest der Tierwelt getrennt sei. Als
Charles Darwin erklärte, der Mensch sei nur eine von vielen Tierarten, waren
seine Zeitgenossen empört. Selbst heute weigern sich viele, diese Tatsache
anzuerkennen. Aber würden wir uns auch dann noch für ein auserwähltes
Wesen halten, wenn die Neandertaler überlebt hätten? Vielleicht war das ja
der Grund, warum unsere Vorfahren die Neandertaler ausrotteten: Sie waren
zu ähnlich, um sie zu ignorieren, und zu anders, um sie zu dulden.

*
Welche Rolle die Sapiens dabei auch gespielt haben mögen – wo immer sie
auftauchten, verschwanden die einheimischen Menschenarten. Die letzten
Angehörigen des Homo soloensis segneten vor 50000 Jahren das Zeitliche,

der Homo denisova folgte 10000 Jahre später. Die letzten Neandertaler
verabschiedeten sich vor rund 30000 Jahren, und die Zwergmenschen von der
Insel Flores gingen vor 12000 Jahren dahin. Zurück blieben ein paar
Knochen und Steinwerkzeuge, eine Handvoll Gene in unserem Genom und
eine Menge unbeantworteter Fragen. Einige Wissenschaftler hegen die
Hoffnung, sie könnten eines Tages in den unberührten Tiefen des
indonesischen Urwalds auf eine Gruppe von Liliputanern treffen. Leider sind
wir dazu einige zehntausend Jahre zu spät dran.
Was war das Erfolgsgeheimnis des Sapiens? Wie gelang es uns, so schnell
so unterschiedliche und räumlich so weit auseinander liegende Lebensräume
zu besiedeln? Wie haben wir es geschafft, alle anderen Menschenarten zu
verdrängen? Warum überlebte nicht einmal der muskulöse, intelligente und
kälteresistente Neandertaler unseren Ansturm? Die Debatte darüber verläuft
hitzig. Die wahrscheinlichste Antwort ist jedoch genau das Instrument, mit
dem diese Debatte geführt wird: Wenn der Homo sapiens die Welt eroberte,
dann vor allem dank seiner einmaligen Sprache.
1 Ann Gibbons, »Food for Thought: Did the First Cooked Meals Help Fuel the Dramatic Evolutionary
Expansion of the Human Brain?«, Science 316:5831 (2007), S. 1558–1560.
2 In der Folge verwende ich für die Angehörigen der Art Homo sapiens die vereinfachte Bezeichnung
»Sapiens« (und zwar für Singular und Plural, da das »s« am Ende des lateinischen Worts nicht für
einen Plural steht). Wenn ich die Art als Ganze meine, verwende ich weiter die kursiv gedruckte
lateinische Bezeichnung.

Kapitel 2
Der Baum der Erkenntnis

Die Sapiens, die vor 100000 Jahren in Ostafrika lebten, waren rein äußerlich
nicht von uns zu unterscheiden und hatten schon genauso große Gehirne.
Aber dachten und sprachen sie auch wie wir? Vermutlich nicht. Sie
verwendeten noch keine sonderlich ausgefeilten Werkzeuge, vollbrachten
keine auffälligen Leistungen und hatten gegenüber anderen Menschenarten
kaum einen Vorteil. Im Gegenteil, als sich einige von ihnen vor rund 100000
Jahren in den Nahen Osten vorwagten, in dem damals die Neandertaler
lebten, konnten sie sich dort nicht lange halten. Wir wissen nicht, ob sie von
ihren feindseligen Vettern, dem ungünstigen Klima oder unbekannten
Parasiten vertrieben wurden, Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Sapiens
wieder zurückzogen und die Levante den Neandertalern überließen.
Das Scheitern dieser Unternehmung lässt darauf schließen, dass sich das
Gehirn der damaligen Sapiens strukturell ganz erheblich von unserem Gehirn
unterschied. Sie sahen zwar äußerlich so aus wie wir, doch ihre kognitiven
Fähigkeiten – ihre Lernfähigkeit, ihr Gedächtnis und ihre kommunikative
Kompetenz – waren noch vergleichsweise begrenzt. Es hätte vermutlich
wenig Zweck, diesen Ur-Sapiens eine moderne Sprache beibringen, sie in
einer Religion unterweisen oder ihnen die Evolutionstheorie erklären zu
wollen. Umgekehrt würde es uns wahrscheinlich genauso schwerfallen, ihre
Sprache zu lernen oder uns in ihren Kopf zu versetzen.
Aber eines Tages, irgendwann vor 70000 Jahren, begann der Homo sapiens,
erstaunliche Leistungen zu vollbringen. Damals verließen neue Gruppen von
Sapiens den afrikanischen Kontinent. Dieses Mal vertrieben sie die
Neandertaler und die übrigen Menschenarten, und zwar nicht nur aus dem

Nahen Osten, sondern vom gesamten Planeten. Innerhalb kürzester Zeit
breiteten sich die Sapiens bis nach Europa und Ostasien aus. Vor rund 45000
Jahren gelang es ihnen irgendwie, das offene Meer zu überqueren und bis
nach Australien vorzudringen – einen Kontinent, auf den bis dahin noch kein
Mensch seinen Fuß gesetzt hatte. Sie erfanden Boote, Öllampen, Pfeil und
Bogen und sogar Nadeln (mit denen sie sich warme Kleider nähen konnten).
Die ersten Gegenstände, die man als Kunst und Schmuck bezeichnen kann,
stammen aus dieser Zeit, genau wie die ersten Hinweise auf Religion, Handel
und gesellschaftliche Schichten.

4. Elfenbeinfigur eines »Löwenmenschen« aus dem Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen
Alb mit einem menschlichen Körper und dem Kopf eines Löwen. Die Figur ist rund 32000
Jahre alt und damit eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit. Sie ist zugleich einer der
ersten Hinweise auf Religion und die Fähigkeit des Menschen, sich Dinge vorzustellen, die
nicht existieren.

Die meisten Forscher sehen in diesen beispiellosen Leistungen einen
Hinweis darauf, dass die kognitiven Fähigkeiten des Homo sapiens einen
Quantensprung gemacht hatten. Die Menschen, die den Neandertaler
ausrotteten, Australien besiedelten und den Löwenmenschen schnitzten,
dachten und sprachen bereits so wie wir. Wenn wir den Schöpfern dieser
Elfenbeinfigur begegnen würden, dann könnten sie unsere Sprache lernen
und wir ihre. Wir könnten ihnen unser Wissen vermitteln – von Alice im
Wunderland bis zur Wunderwelt der Quantenmechanik – und sie könnten uns
erklären, wie sie die Welt sehen.
Die Entstehung neuer Denk- und Kommunikationsformen in dem Zeitraum,
der vor rund 70000 Jahren begann und vor etwa 30000 Jahren endete, wird
als kognitive Revolution bezeichnet. Was war der Auslöser dieser
Revolution? Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Die gängigste Theorie
geht davon aus, dass zufällige Genmutationen die Kabel im Gehirn des
Sapiens neu verschaltet hatten und dass sie deshalb lernen konnten, in noch
nie dagewesener Weise zu denken und mit einer völlig neuen Form von
Sprache zu kommunizieren. Diese Veränderung könnte man als »Baum der
Erkenntnis«-Mutation bezeichnen. Aber warum passierte sie nur in den
Genen des Homo sapiens und nicht im Erbgut des Neandertalers? Soweit wir
das heute beurteilen können, war das reiner Zufall. Aber es ist viel
interessanter, sich die Folgen dieser Mutation anzusehen als nach ihren
Ursachen zu suchen. Was war denn so besonders an der neuen Sprache des
Homo sapiens, dass sie uns die Eroberung der Welt ermöglichte?
Es war schließlich nicht die erste Sprache. Jedes Tier hat seine eigene
Sprache. Selbst Insekten wie Bienen und Ameisen verwenden ausgeklügelte
Kommunikationssysteme, um sich über Futterquellen zu verständigen. Es
war noch nicht einmal die erste Lautsprache. Viele Tiere kommunizieren
mithilfe von Lauten, darunter alle Affenarten. Grünmeerkatzen verständigen
sich beispielsweise mit unterschiedlichen Schreien. Einen dieser Schreie
übersetzen Affenforscher als »Vorsicht Adler!« und einen anderen, der etwas
anders klingt, mit »Vorsicht Löwe!«. Als die Forscher einer Gruppe von
Grünmeerkatzen eine Tonbandaufnahme des ersten Schreis vorspielten,
hielten die Tiere inne und spähten ängstlich in den Himmel. Und als

dieselben Affen eine Aufnahme der Löwenwarnung hörte, kletterten sie eilig
den nächsten Baum hinauf. Sapiens können deutlich mehr unterschiedliche
Laute hervorbringen als Grünmeerkatzen, doch Wale und Elefanten haben ein
ähnlich beeindruckendes Repertoire wie wir. Papageien können sämtliche
Laute nachahmen, die wir von uns geben, und obendrein eine schier endlose
Vielfalt anderer Geräusche wie klingelnde Telefone, zuschlagende Türen
oder heulende Sirenen imitieren. Was ist also das Besondere an unserer
Sprache?
Eine mögliche Antwort ist die extreme Flexibilität. Mit einer begrenzten
Zahl von Lauten und Zeichen können wir eine unendliche Zahl von Sätzen
mit ihrer jeweils eigenen Bedeutung produzieren. Damit können wir
gewaltige Mengen an Information über unsere Umwelt aufnehmen, speichern
und weitergeben. Eine Grünmeerkatze kann ihren Artgenossen zurufen:
»Achtung Löwe!« Aber ein Mensch kann seinen Stammesgenossen
berichten, dass er heute Morgen in der Nähe der Flussbiegung einen Löwen
gesehen hat, der eine Büffelherde beobachtete. Er kann den Ort genau
beschreiben und erklären, wie man dorthin kommt. Mit dieser Information
kann die Gruppe gemeinsam überlegen, ob sie sich zum Fluss aufmacht, um
den Löwen zu vertreiben und die Büffel zu jagen.
Eine zweite Theorie geht ebenfalls davon aus, dass sich unsere Sprache
entwickelte, um Informationen über die Umwelt auszutauschen. Doch nach
dieser Theorie ging es den Menschen nicht darum, sich über Löwen und
Büffel zu unterhalten, sondern über ihre Artgenossen. Mit anderen Worten
dient unsere Sprache vor allem der Verbreitung von Klatsch und Tratsch. Der
Homo sapiens ist ein Herdentier, und die Kooperation in der Gruppe ist
entscheidend für das Überleben und die Fortpflanzung. Dazu reicht es nicht
aus, zu wissen, wo sich Löwen und Büffel aufhalten. Es ist viel wichtiger zu
wissen, wer in der Gruppe wen nicht leiden kann, wer mit wem schläft, wer
ehrlich ist und wer andere beklaut.
Es ist ganz erstaunlich, wie viel Information man aufnehmen und im Kopf
haben muss, um das sich ständig verändernde Beziehungsgeflecht zwischen
einigen Dutzend Personen im Blick zu behalten. (In einer Gruppe von 50
Menschen gibt es allein 1225 Zweierbeziehungen und eine schier

unüberschaubare Vielzahl von Dreiecks-, Vierecks- und anderen Über-EckBeziehungen.) Sämtliche Affenarten haben großes Interesse an sozialen
Informationen, aber keine kann so gut klatschen wie wir. Neandertaler und
die ersten Sapiens waren vermutlich noch nicht besonders geübt darin, hinter
vorgehaltener Hand über andere zu reden – eine Fähigkeit, die in letzter Zeit
etwas in Misskredit geraten ist, obwohl sie eine entscheidende Voraussetzung
für die Zusammenarbeit in größeren Gruppen ist. Mit der neuen
Sprachkompetenz, die der moderne Homo sapiens vor rund 70000 Jahren
erwarb, konnte er dagegen stundenlang über andere tratschen. Mit Hilfe von
verlässlichen Informationen über zuverlässige Mitmenschen konnten die
Sapiens ihre Gruppen stark erweitern, enger miteinander zusammenarbeiten
und komplexere Formen der Zusammenarbeit entwickeln.3
So witzig die Klatsch-Theorie vielleicht klingen mag, sie wird von vielen
Untersuchungen bestätigt. Machen wir uns nichts vor, unsere E-Mails,
Telefongespräche oder Zeitungsberichte bestehen bis heute zum größten Teil
aus Klatsch. Dass er uns so leicht über die Lippen kommt, lässt vermuten,
dass sich die Sprache tatsächlich zu diesem Zweck entwickelt haben könnte.
Sie glauben doch nicht etwa, dass sich Geschichtswissenschaftler beim
Mittagessen nur über historische Ereignisse austauschen, oder dass Physiker
ihre Kaffeepause mit der Erörterung von Quarks zubringen? Natürlich nicht.
Sie unterhalten sich über die Professorin, die ihren Mann mit einer anderen
erwischt hat, über den Streit zwischen dem Fachbereichsleiter und der
Dekanin oder über das Gerücht, dass sich ein Kollege von den
Forschungsgeldern der Studienstiftung einen Mercedes gekauft hat. Klatsch
beschäftigt sich vor allem mit Fehltritten. Die ersten Journalisten waren
Klatschbasen, die den Rest der Gruppe vor Betrügern, Hochstaplern und
Schnorrern warnten.

*
Beide Hypothesen – die Klatsch-Theorie und die Löwe-am-Fluss-Theorie –
haben einiges für sich. Doch das wirklich Einmalige an unserer Sprache ist
nicht, dass wir damit Informationen über Menschen und Löwen weitergeben

können. Das Einmalige ist, dass wir uns über Dinge austauschen können, die
es gar nicht gibt. Soweit wir wissen, kann nur der Sapiens über
Möglichkeiten spekulieren und Geschichten erfinden.
Legenden, Mythen, Götter und Religionen tauchen erstmals mit der
kognitiven Revolution auf. Viele Tier- und Menschenarten konnten »Vorsicht
Löwe!« rufen. Aber dank der kognitiven Revolution konnte nur der Sapiens
sagen: »Der Löwe ist der Schutzgeist unseres Stammes.« Nur mit der
menschlichen Sprache lassen sich Dinge erfinden und weitererzählen. Man
könnte sie deshalb als »fiktive Sprache« bezeichnen.
Nur der Mensch kann über etwas sprechen, das gar nicht existiert, und noch
vor dem Frühstück sechs unmögliche Dinge glauben. Einen Affen würden
Sie jedenfalls nie im Leben dazu bringen, Ihnen eine Banane abzugeben,
indem Sie ihm einen Affenhimmel ausmalen und grenzenlose
Bananenschätze nach dem Tod versprechen. Auf so einen Handel lassen sich
nur Sapiens ein. Aber warum ist diese fiktive Sprache dann so wichtig? Sind
Phantasiegeschichten nicht gefährlich und irreführend? Ist es nicht pure
Zeitverschwendung, sich Legenden über Einhörner auszudenken, und würden
wir unsere Zeit mit Jagen, Kämpfen und Vögeln nicht viel besser nutzen?
Gefährdet es nicht sogar unser Überleben, wenn wir uns den Kopf mit
Märchen füllen?
Aber mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen –
wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wir können Mythen
erfinden, wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Traumzeit der
Aborigines oder die nationalistischen Mythen der modernen Nationalstaaten.
Diese und andere Mythen verleihen dem Sapiens die beispiellose Fähigkeit,
flexibel und in großen Gruppen zusammenzuarbeiten. Ameisen und Bienen
arbeiten zwar auch in großen Gruppen zusammen, doch sie spulen starre
Programme ab und kooperieren nur mit ihren Geschwistern. Schimpansen
sind flexibler als Ameisen, doch auch sie arbeiten nur mit einigen wenigen
Artgenossen zusammen, die sie gut kennen. Sapiens sind dagegen
ausgesprochen flexibel und können mit einer großen Zahl von wildfremden
Menschen kooperieren. Und genau deshalb beherrschen die Sapiens die Welt,
während Ameisen unsere Essensreste verzehren und Schimpansen in unseren

Zoos und Forschungslabors herumhocken.
Die Peugeot-Legende
Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, leben in kleinen Gruppen
mit wenigen Dutzend Artgenossen. Sie pflegen enge Freundschaften und
kämpfen Seite an Seite gegen Paviane, Geparden und feindliche
Schimpansen. Ihre Rudel sind hierarchisch organisiert, und das Leittier, fast
immer ein Männchen, wird als »Alpha« bezeichnet. Andere Männchen und
Weibchen demonstrieren diesem Alphamännchen ihre Unterwürfigkeit,
indem sie sich vor ihm ducken und dabei Grunzlaute ausstoßen – fast wie
menschliche Untertanen, die sich vor dem König auf den Boden werfen. Das
Alphamännchen ist darum bemüht, die Harmonie in der Horde zu erhalten.
Wenn sich zwei Schimpansen in die Haare bekommen, geht er dazwischen
und trennt die Streitenden. In seinen weniger sozialen Momenten beansprucht
er die besten Leckerbissen für sich und hindert seine männlichen
Untergebenen daran, sich mit den Weibchen zu paaren.
Wenn sich zwei Männchen um die Alpha-Position streiten, schmieden sie in
der Regel große Allianzen von männlichen und weiblichen Unterstützern
innerhalb der Gruppe. Die verbündeten Familienmitglieder pflegen ihre
Beziehung in täglichem und intimem Kontakt, indem sie einander umarmen,
berühren, küssen und lausen. Sie erweisen sich gegenseitig Gefälligkeiten
und helfen einander aus der Patsche. Normalerweise setzt sich das
Alphamännchen nicht deshalb an die Spitze des Rudels, weil es das Stärkere
ist, sondern weil es sich ein großes und stabiles Unterstützernetzwerk
aufgebaut hat.
Gruppen, die über diese intimen Bündnisse zusammengehalten werden,
können eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Wenn sie funktionieren
sollen, müssen sich die einzelnen Angehörigen gut kennen. Zwei
Schimpansen, die einander nie gesehen, nie miteinander gekämpft und
einander nie die Läuse aus dem Pelz gesucht haben, wissen nicht, ob sie
einander über den Weg trauen können, ob es sich lohnt, dem anderen zu
helfen, oder welcher der beiden in der Rangordnung über dem anderen steht.

Mit zunehmender Größe der Gruppe wird die soziale Bindung immer
schwächer, bis sich irgendwann eine Untergruppe abspaltet und ein eigenes
Rudel bildet.
In der Natur besteht eine Schimpansenhorde aus zwanzig bis fünfzig Tieren.
Größere Gruppen sind instabil, und nur in wenigen Fällen haben Zoologen in
freier Wildbahn Rudel mit mehr als hundert Tieren gesichtet. Die
verschiedenen Gruppen arbeiten nur selten zusammen und konkurrieren eher
um Territorien und Futter. Forscher haben sogar Kriege zwischen
verschiedenen Horden beobachtet und beschreiben regelrechte
»Völkermorde«, wenn eine Horde eine andere systematisch ausrottete.4
Das Sozialleben der Frühmenschen sah ganz ähnlich aus, und die ersten
Homo sapiens waren keine Ausnahme. Auch Menschen haben soziale
Instinkte, und dank ihrer konnten unsere Vorfahren Freundschaften knüpfen,
Hierarchien aufbauen und gemeinsam jagen und kämpfen. Wie bei den
Schimpansen waren diese sozialen Instinkte der Frühmenschen nur auf kleine
und intime Gruppen ausgelegt. Wenn eine Gruppe zu groß wurde, verlor sie
an Zusammenhalt und teilte sich irgendwann auf. Selbst wenn es in einem
besonders fruchtbaren Tal genug Nahrung für fünfhundert Menschen gab,
konnten unmöglich so viele Fremde zusammenleben. Wie sollten sie sich auf
einen Rudelführer einigen, wer sollte wo jagen, wer durfte sich mit wem
paaren?
Nach der kognitiven Revolution lernten die Menschen, mit Hilfe des
Klatsches größere und stabilere Gruppen zu bilden. Aber auch der Klatsch
hat seine Grenzen. Soziologen haben in Untersuchungen herausgefunden,
dass eine »natürliche« Gruppe, die nur von Klatsch zusammengehalten wird,
maximal aus 150 Personen bestehen kann. Mit mehr Menschen können wir
keine engen Beziehungen pflegen, und über mehr Menschen können wir
nicht effektiv tratschen. Das ist bis heute die magische Obergrenze unserer
natürlichen Organisationsfähigkeit. Bis zu einer Größe von 150 Personen
reichen enge Bekanntschaften und Gerüchte als Kitt für Gemeinschaften,
Unternehmen, soziale Netzwerke und militärische Einheiten aus, und es sind
keine Rangabzeichen, Titel und Gesetzbücher nötig, um Ordnung zu halten.5
Beim Militär kann ein Zug mit dreißig oder eine Kompanie mit hundert

Soldaten auf der Grundlage von engen Beziehungen funktionieren und
benötigt nur ein Minimum von Befehl und Gehorsam. Ein erfahrener
Feldwebel kann zur »Mutter der Kompanie« werden, und sogar ranghöhere
Offiziere hören auf ihn. Ein kleines Familienunternehmen kann auch ohne
Aufsichtsrat, Vorstandsvorsitzenden und Finanzvorstand ein Vermögen
verdienen. Aber sobald die magische Grenze von 150 überschritten ist,
funktioniert dieses Prinzip nicht mehr. Eine Division mit 10000 Soldaten
lässt sich nicht so führen wie eine Kompanie. Erfolgreiche
Familienunternehmen geraten in eine Krise, sobald sie expandieren und mehr
Personal einstellen müssen – wenn sie sich nicht neu erfinden können, gehen
sie pleite.
Aber wie gelang es dem Homo sapiens, diese kritische Schwelle zu
überwinden? Wie schaffte er es, Städte mit Zehntausenden Einwohnern und
Riesenreiche mit Millionen von Untertanen zu gründen? Sein
Erfolgsgeheimnis war die fiktive Sprache. Eine große Zahl von wildfremden
Menschen kann effektiv zusammenarbeiten, wenn alle an gemeinsame
Mythen glauben.
Jede großangelegte menschliche Unternehmung – angefangen von einem
archaischen Stamm über eine antike Stadt bis zu einer mittelalterlichen
Kirche oder einem modernen Staat – ist fest in gemeinsamen Geschichten
verwurzelt, die nur in den Köpfen der Menschen existieren.
Glaubensgemeinschaften basieren auf diesen kollektiven Mythen. Zwei
Katholiken, die einander nie zuvor begegnet sind, verstehen einander ohne
lange Erklärungen, weil beide glauben, dass es einen Gott gibt, der seinen
Sohn auf die Erde geschickt hat, und dass dieser sich kreuzigen ließ, um die
Menschheit von ihren Sünden zu erlösen. Zwei Serben, die einander nicht
kennen, verstehen sich problemlos, weil sie beide an die Existenz der
serbischen Nation, des serbischen Territoriums und der serbischen Flagge
glauben. Konzerne basieren auf gemeinsamen wirtschaftlichen Mythen: Zwei
Mitarbeiter von Google, die einander noch nie gesehen haben, können um
den halben Erdball hinweg zusammenarbeiten, weil sie an die Existenz von
Google, Aktien und Dollars glauben. Rechtsstaaten fußen auf gemeinsamen
juristischen Mythen: Zwei wildfremde Anwälte können effektiv kooperieren,

weil sie an die Existenz von Recht, Gesetz und Menschenrechten glauben.
Diese Dinge existieren jedoch nur in den Geschichten, die wir Menschen
erfinden und einander erzählen. Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und
Gesetze gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven
Vorstellungswelt.
Dass »primitive Menschen« ihre Gesellschaft zusammenhalten, indem sie
an Geister glauben und bei Vollmond um ein Feuer herumtanzen, verstehen
wir sofort. Dabei übersehen wir gern, dass die fortschrittlichen Institutionen
unserer modernen Gesellschaft keinen Deut anders funktionieren. Ein gutes
Beispiel sind die Großkonzerne: Im Grunde sind Unternehmer und Anwälte
gar nichts anderes als mächtige Zauberer. Die Geschichten, die sich moderne
Juristen erzählen, sind sogar noch viel sonderbarer als die der alten
Schamanen. Warum das so ist, verrät uns die Legende von Peugeot.
Auf vielen Straßen von Paris bis Sydney kann man eine Ikone bewundern,
die entfernt an den Löwenmenschen aus dem Hohlenstein-Stadel erinnert. Es
ist die Kühlerfigur von Autos der Marke Peugeot, einer der ältesten und
größten Kraftfahrzeughersteller in Europa. Peugeot begann als kleiner
Familienbetrieb im Tal von Valentigney, das rund 300 Kilometer von der
Stadel-Höhle entfernt im Westen von Frankreich liegt. Heute beschäftigt der
Konzern weltweit rund 200000 Mitarbeiter, von denen sich die wenigsten je
persönlich begegnet sind. Diese wildfremden Menschen arbeiten derart
effektiv zusammen, dass Peugeot im Jahr 2008 mehr als 1,5 Millionen
Fahrzeuge baute und einen Umsatz von rund 55 Milliarden Euro machte.
Aber in welcher Form existiert dieses Unternehmen Peugeot eigentlich? Es
gibt zwar viele Fahrzeuge von Peugeot, aber die sind natürlich nicht das
Unternehmen. Selbst wenn alle Peugeots der Welt von einem Tag auf den
anderen verschrottet und eingestampft werden, verschwindet das
Unternehmen nicht. Es produziert weiter neue Autos und legt jedes Jahr eine
Bilanz vor. Das Unternehmen besitzt Fabrikhallen, Maschinen und
Ausstellungsräume und beschäftigt Fließbandarbeiter, Buchhalter und
Sekretärinnen, aber auch diese sind zusammengenommen nicht das
Unternehmen Peugeot. Wenn eine Katastrophe sämtliche Fließbänder und

Bürogebäude zerstören und sämtliche Peugeot-Mitarbeiter auslöschen würde,
dann könnte das Unternehmen Kredite aufnehmen, neue Mitarbeiter
anstellen, neue Fabrikhallen bauen und neue Fließbänder anschaffen. Peugeot
hat Manager und Aktionäre, aber auch die sind nicht das Unternehmen.
Selbst wenn alle Manager gefeuert und alle Aktien verkauft werden sollten,
würde das Unternehmen selbst nach wie vor existieren.
Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Peugeot unverwundbar oder
unsterblich wäre. Wenn ein Gericht heute die Zerschlagung des
Unternehmens anordnen würde, dann blieben die Fabriken, Arbeiter,
Buchhalter, Manager und Aktionäre zwar erhalten, aber Peugeot wäre von
einem Moment auf den anderen verschwunden. Man könnte fast den
Eindruck bekommen, als wäre Peugeot gar nicht Teil unserer physischen
Realität. Existiert es denn überhaupt?

5. Der Peugeot-Löwe

In Wirklichkeit ist Peugeot ein Produkt unserer kollektiven Phantasie. Das
Wort »Phantasieprodukt« meint etwas, das nur erfunden ist, und das nur
deshalb existiert, weil wir so tun, als würde es existieren. Aus diesem Grund
sprechen Juristen von einer juristischen Fiktion. Das Unternehmen ist
unsichtbar, es handelt sich nicht um ein physisches Objekt. Trotzdem
existiert es als juristische Person. Genau wie Sie und ich muss es sich an die
Gesetze der Länder halten, in denen es Fahrzeuge herstellt und verkauft. Es
kann Bankkonten eröffnen und Eigentum erwerben. Es zahlt Steuern und
kann verklagt werden, und zwar völlig unabhängig von den Menschen, die es
besitzen oder für es arbeiten.
Peugeot gehört zu einer bestimmten Gruppe von juristischen Fiktionen, die
als »Gesellschaft mit beschränkter Haftung« bezeichnet werden. Hinter
diesen Unternehmen verbirgt sich eine der originellsten Erfindungen der
Menschheit. Der Homo sapiens kam ungezählte Jahrtausende lang ohne diese
Konstruktion aus. Bis vor relativ kurzer Zeit konnten nur Menschen aus
Fleisch und Blut Eigentum erwerben. Wenn Jean im Frankreich des 13.
Jahrhunderts eine Werkstatt zum Bau von Fuhrwerken gründete, dann war er
das Unternehmen. Wenn ein Fuhrwerk, das Jean gebaut hatte, eine Woche
nach dem Verkauf auseinanderfiel, dann machte der verärgerte Kunde ihn
höchstpersönlich dafür verantwortlich. Wenn sich Jean 1000 Goldmünzen
geliehen hatte, um seine Werkstatt zu eröffnen, und nun pleiteging, dann
musste er diesen Kredit zurückzahlen, indem er sein privates Eigentum
verkaufte: sein Haus, seine Kuh und seinen Acker. Vielleicht musste er sogar
das eine oder andere Kind in die Knechtschaft verkaufen. Und wenn er seine
Schulden damit immer noch nicht begleichen konnte, dann wurde er in den
Schuldturm gesteckt oder von seinen Gläubigern in die Sklaverei verkauft.
Jean musste für sämtliche Verpflichtungen seiner Werkstatt haften, und zwar
bis zum letzten Pfennig.
Zu Jeans Zeiten hätten Sie es sich vermutlich reiflich überlegt, ehe Sie ein
Unternehmen gegründet hätten. Tatsächlich schreckte diese rechtliche
Situation viele ab, sich als Unternehmer zu betätigen. Die meisten Menschen
hatten Angst, dieses wirtschaftliche Risiko auf sich zu nehmen. Die Gefahr
war einfach zu groß, damit sich und ihre ganze Familie ins Elend zu stürzen.

Daher stellten sich die Menschen kollektiv ein Unternehmen vor, das nur
noch »beschränkte Haftung« übernahm. Dieses Unternehmen war rechtlich
unabhängig von den Menschen, die es gründeten, leiteten oder finanzierten.
In den vergangenen Jahrhunderten wurden Unternehmen dieser Art zu den
wichtigsten Protagonisten der Wirtschaft, und inzwischen haben wir uns so
sehr an sie gewöhnt, dass wir völlig vergessen haben, dass sie nur in unserer
Phantasie existieren. Im Gesetz werden diese Unternehmen auch als
»Körperschaften« bezeichnet, was eigentlich ironisch ist, denn diese
Bezeichnung kommt vom Wort »Körper« und genau den haben diese
Unternehmen ja gerade nicht. Trotzdem behandelt das Gesetz sie so, als
handele es sich um Menschen aus Fleisch und Blut.
Diese Unternehmen gab es auch schon im Frankreich des Jahres 1896.
Damals beschloss Armand Peugeot, die elterliche Eisengießerei, in der
Federn, Sägen und Fahrräder hergestellt wurden, zu einer Automobilfabrik
umzubauen. Dazu gründete er eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Er
taufte das Unternehmen zwar auf seinen Namen, doch es existierte
unabhängig von ihm. Wenn eines seiner Autos liegen blieb, konnte der
Kunde das Unternehmen Peugeot verklagen, aber nicht Armand Peugeot
persönlich. Wenn das Unternehmen Peugeot Millionen von Franc aufnahm
und pleiteging, dann schuldete Armand Peugeot den Gläubigern nicht einen
einzigen Franc. Den Kredit hatte schließlich das Unternehmen Peugeot
aufgenommen, nicht der Sapiens Armand Peugeot. Der Gründer starb im Jahr
1915. Das Unternehmen Peugeot existiert bis heute.
Aber wie genau schuf der Mensch Armand Peugeot das Unternehmen
Peugeot? Ungefähr so, wie französische Dorfpfarrer im katholischen
Nachbardorf jeden Sonntag aus Brot den Leib Christi erschufen. Im Grunde
ging es in beiden Fällen um Geschichten und darum, andere Menschen von
der Wahrheit dieser Geschichten zu überzeugen. In der Geschichte des
Pfarrers ging es um das Leben und Sterben eines Mannes namens Jesus
Christus, wie es von der katholischen Kirche erzählt wird. Wenn ein Priester
mit all seinen heiligen Gewändern und geweihten Gerätschaften im richtigen
Moment die richtigen Worte sprach, verwandelten sich gewöhnliche Oblaten
in den Leib Christi und gewöhnlicher Wein in das Blut Christi. Der Priester

sprach die lateinische Formel »Hoc est corpus meum!« (zu Deutsch »das ist
mein Leib«) und Hokuspokus! wurde das Brot zu Fleisch. Und nachdem der
Priester alle nötigen Formeln gesprochen hatte, waren auch die Gläubigen
überzeugt, dass es sich tatsächlich nicht mehr um Brot und Wein, sondern um
den Leib und das Blut Christi handelte, und sie behandelten sie mit einer
Ehrfurcht, die sie einer Oblate und einem Schluck Wein nie entgegengebracht
hätten.
Im Falle des Unternehmens Peugeot stand die entscheidende Geschichte im
französischen Gesetzbuch, wie es vom französischen Parlament
verabschiedet worden war. Nach diesem Gesetz musste ein Notar nur die
richtigen juristischen Rituale zelebrieren, die erforderlichen bürokratischen
Zaubersprüche und Eide auf ein mit Schnörkeln verziertes Papier schreiben,
sein Siegel darunter setzen, und Hokuspokus! schon war ein neues
Unternehmen gegründet. Nachdem der Notar alle nötigen Formeln
gesprochen hatte, glaubten auch die Nachbarn von Peugeot, dass es nun zwei
Peugeots gab: ihren Nachbarn Armand und dessen neues Unternehmen, die
Peugeot AG. Letztere behandelten sie nun mit der Ehrfurcht, wie sie ein
richtiges Unternehmen verdient hat.
Es ist allerdings gar nicht so einfach, wirkungsvolle Geschichten zu
erzählen. Zauberer und Priester müssen die Mächte, Zuständigkeiten und
Launen der verschiedenen Götter, Geister und Dämonen gut kennen. Wenn
Trockenheit herrscht und der Zauberer Regen heraufbeschwören will, muss er
genau wissen, welches überirdische Wesen für Niederschläge zuständig ist.
Kann zum Beispiel auch der Gott des Meeres Regen bescheren, oder ist dafür
ausschließlich der Gott des Sturms verantwortlich? Genauso muss ein Anwalt
wissen, was eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung tun kann und was
nicht. Die Antwort auf diese Frage findet er in Geschichten, die von der
Gesellschaft erfunden wurden – in diesem Fall in den reichlich spröden
Geschichten, die wir »Unternehmensrecht« nennen. Anwälte, die sich auf das
Unternehmensrecht spezialisiert haben, analysieren diese Geschichten tagaus,
tagein mit der Lupe und diskutieren mit ihren Kollegen und Gegnern darüber,
welche Eigenschaften ein bestimmtes Unternehmen nun genau mitbringt.
Kann ein Unternehmen über ein Land herrschen? Kann es Kriege führen?

Kann es in einer Branche eine Monopolstellung haben?
Heute wird zum Beispiel heftig darüber gestritten, ob ein Unternehmen
Patente und Urheberrechte an DNA-Sequenzen besitzen kann. Im Jahr 1990
rief die amerikanische Regierung das »Human Genome Project« ins Leben,
das die gesamte DNA des Homo sapiens entschlüsseln sollte. Acht Jahre später
wurde ein Privatunternehmen namens Celera gegründet, das denselben
Zweck verfolgte. Obwohl die amerikanische Regierung einen großen
Vorsprung hatte und viel Geld investierte, war Celera schneller und
entschlüsselte als Erste das menschliche Genom. Sofort kam die Frage auf,
ob Celera die Urheberrechte an den DNA-Sequenzen hatte und Gebühren von
allen kassieren durfte, die dieses Wissen verwenden wollten. Mit anderen
Worten: Kann eine juristische Fiktion Eigentümer unseres Genoms sein?
Heute beantworten die Gerichte diese Frage mit Nein. Aber das letzte Wort
ist noch nicht gesprochen.

*
Das alles wurde nur durch die Erfindung der fiktiven Sprache möglich, mit
der wir uns Dinge vorstellen und beschreiben können, die es in der
physischen Realität gar nicht gibt. Der Löwenmensch, Peugeot und Celera
bestehen weder aus Atomen noch aus Proteinen, sondern aus Geschichten. Im
Laufe der Jahrhunderte haben wir ein unglaublich komplexes Netz von
solchen Geschichten gesponnen. In diesem Netz existieren Fantasieprodukte
wie Peugeot nicht nur, sondern sie sind sogar ungeheuer mächtig. Sie haben
mehr Macht als jeder Löwe und jedes Löwenrudel. Doch in Wirklichkeit gibt
es sie nur in unseren Geschichten. Wenn wir plötzlich nicht mehr in der Lage
wären, über Dinge zu sprechen, die es gar nicht gibt, würde Peugeot auf der
Stelle verschwinden und mit ihm Aktienmärkte, Religionen, Staaten, Geld
und Menschenrechte.
Akademiker bezeichnen diese Dinge, die wir in Mythen und Geschichten
erfinden, als »Fiktionen«, »soziale Konstrukte« oder »erfundene
Wirklichkeit«. Aber Vorsicht: Eine erfundene Wirklichkeit ist keine Lüge.
Ich lüge, wenn ich behaupte, dass ich am Fluss einen Löwen gesehen habe,

obwohl ich genau weiß, dass das gar nicht stimmt. Lügen sind nichts
Besonderes. Auch Schimpansen und Grünmeerkatzen können lügen.
Affenforscher haben beispielsweise Grünmeerkatzen dabei beobachtet, wie
sie »Achtung Löwe!« rufen, obwohl weit und breit kein Löwe zu sehen ist.
Mit diesem Ruf wollen die Lügner lediglich einen Artgenossen aufschrecken,
der gerade eine Banane entdeckt hat, um sie sich selbst einzuverleiben.
Anders als eine Lüge ist eine erfundene Wirklichkeit etwas, an das alle
glauben. Und solange alle daran glauben, hat die erfundene Wirklichkeit ganz
reale Macht in der wirklichen Welt. Der Künstler der Stadel-Höhle glaubte
vermutlich ehrlich an die Existenz eines Geistes in Form eines
Löwenmenschen. Einige Zauberer sind zwar Scharlatane, doch die meisten
sind fest davon überzeugt, dass es ihre Götter und Dämonen wirklich gibt.
Die meisten Millionäre glauben an die Existenz des Geldes und der
Gesellschaften
mit
beschränkter
Haftung.
Die
meisten
Menschenrechtsaktivisten glauben an die Existenz der Menschenrechte.
Niemand log, als die Vereinten Nationen im Jahr 2011 Libyen ermahnten, die
Menschenrechte einzuhalten, obwohl die Vereinten Nationen, Libyen und die
Menschenrechte
nichts
anderes
sind
als
Produkte
unseres
Erfindungsreichtums.
Am Genom vorbei
Die Fähigkeit, mit Hilfe von bloßen Worten eine Wirklichkeit zu erschaffen,
machte es möglich, dass große Gruppen von wildfremden Menschen effektiv
zusammenarbeiteten. Sie bewirkt jedoch noch etwas anderes. Da menschliche
Zusammenarbeit in großem Maßstab auf Mythen basiert, kann man die Form
der Zusammenarbeit neu gestalten, indem man die Mythen verändert und
neue Geschichten erzählt. Unter den richtigen Umständen können sich diese
Mythen sogar sehr schnell ändern. Im Jahr 1789 schalteten die Franzosen
beispielsweise quasi über Nacht vom Mythos des »Gottesgnadentums der
Könige« auf den Mythos der »Herrschaft des Volkes« um. Nach der
kognitiven Revolution war der Homo sapiens daher in der Lage, sein
Verhalten schnell um- und auf neue Bedürfnisse einzustellen. Damit

wechselte er auf die Überholspur der kulturellen Evolution und konnte am
Stau der genetischen Evolution vorüberrasen. Schon bald düste er an allen
anderen Menschen- und Tierarten vorüber und entwickelte seine erstaunliche
Fähigkeit zur Zusammenarbeit.
So intelligent und erfindungsreich Schimpansen und Elefanten auch sein
mögen, sie sind nicht in der Lage, ihre Gesellschaften völlig umzukrempeln.
Schimpansen haben eine genetisch programmierte Vorliebe, in Gruppen von
wenigen Dutzend Individuen zusammenzuleben und sich einem
Alphamännchen unterzuordnen. Die eng verwandten Bonobos bevorzugen
ebenfalls gemischte Gruppen, auch wenn diese meist von einem Weibchen
angeführt werden. Elefantenkühe leben mit ihren Jungen in einer Herde von
Weibchen zusammen, während die Elefantenbullen allein durch die Savanne
streifen. Die Gene sind zwar keine Alleinherrscher, und das Verhalten der
Tiere wird auch durch Umweltfaktoren und individuelle Besonderheiten
bestimmt. Doch in einer stabilen Umwelt verhalten sich die meisten
Angehörigen einer bestimmten Art sehr ähnlich. Spürbare Veränderungen des
Sozialverhaltens sind in der Regel nur Hand in Hand mit einer Mutation der
Gene möglich. Schimpansenweibchen können sich kein Vorbild an den
Bonoboweibchen nehmen und eine Frauenbewegung gründen.
Schimpansenmännchen können keine Volksversammlung einberufen, in der
sie das Amt des Alphamännchens abschaffen und die Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit aller Schimpansen verkünden. Derart dramatische
Veränderungen des Verhaltens wären ohne Veränderungen im Erbgut der
Schimpansen völlig undenkbar.
Deshalb kannten die Urmenschen auch keine Revolutionen. Soweit wir das
heute beurteilen können, waren Veränderungen der Gesellschaft, Erfindungen
neuer Techniken und die Besiedlung neuer Lebensräume immer das Resultat
von Genmutationen und Umwelteinflüssen, und nicht von kulturellen
Initiativen. Deshalb benötigten die Menschen auch Hunderttausende Jahre für
winzige Veränderungen. Vor zwei Millionen Jahren brachten Genmutationen
eine neue Menschenart namens Homo erectus hervor. Er war es auch, der als
Erster Steinwerkzeuge benutzte. Doch solange sich der Homo erectus
genetisch nicht veränderte, verwendete er immer die dieselben Werkzeuge –

und zwar mehr als eine Million Jahre lang!
Doch nach der kognitiven Revolution waren Sapiens in der Lage, ihr
Verhalten schnell zu verändern und neue Verhaltensweisen an die nächste
Generation weiterzugeben, ohne dass dazu Genmutationen oder
Umweltveränderungen nötig gewesen wären. Das wird am Beispiel der
kinderlosen Eliten deutlich, zum Beispiel der buddhistischen Mönche, der
katholischen Priester oder der chinesischen Eunuchen-Bürokraten. Die bloße
Existenz dieser Führungsschichten widerspricht allen Gesetzen der
natürlichen Auslese, denn die Angehörigen dieser Eliten verzichteten
freiwillig auf Fortpflanzung. Während bei den Schimpansen die
Alphamännchen ihre Macht nutzen, um sich mit so vielen Weibchen wie
möglich zu paaren und möglichst alle Nachkommen der Horde zu zeugen,
enthalten sich die katholischen Alphamännchen des Geschlechtsverkehrs und
der Aufzucht des Nachwuchses. Diese Abstinenz ist nicht etwa die Folge
einmaliger Umweltbedingungen, zum Beispiel einer schweren
Futterknappheit oder dem Mangel an paarungswilligen Partnerinnen. Sie hat
auch nichts mit einer sonderbaren Genmutation zu tun. Die katholische
Kirche hat Jahrtausende lang existiert, ohne dass ein »Zölibats-Gen« von
einem Papst zum nächsten weitergegeben werden musste. Es reichte, die
Geschichten des Neuen Testaments und des Kirchenrechts weiterzuerzählen.
Das heißt, während sich die Verhaltensmuster der Urmenschen über
Zehntausende von Jahren hinweg nicht veränderten, konnte der Sapiens seine
Gesellschaftsstrukturen, zwischenmenschlichen Beziehungen und alle
möglichen anderen Verhaltensweisen innerhalb von ein oder zwei
Jahrzehnten völlig über den Haufen werfen. Nehmen wir zum Beispiel eine
Einwohnerin der Stadt Dresden, die im Jahr 1900 zur Welt kam und das
stattliche Alter von hundert Jahren erreichte, ohne die Stadt zu verlassen. Ihre
Kindheit verbrachte sie im Kaiserreich Wilhelms II. und ihr Erwachsenenalter
in der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und der
kommunistischen DDR, um schließlich im wiedervereinigten und
demokratischen Deutschland zu sterben. Damit lebte sie unter fünf
verschiedenen politischen Systemen, während ihre Gene immer dieselben
blieben. Genau das war der Schlüssel zum Erfolg des Homo sapiens. Im

Faustkampf mit einem Neandertaler hätte der Sapiens vermutlich den
Kürzeren gezogen. Aber in einem Kampf zwischen einigen Hunderten
Angehörigen beider Arten hatte der Neandertaler nicht den Hauch einer
Chance. Die Neandertaler konnten sich vermutlich gegenseitig darüber
informieren, wo und wann sie Löwen gesehen hatten, aber sie waren
wahrscheinlich nicht in der Lage, sich Geschichten über Stammesgeister zu
erzählen und diese nach Belieben umzugestalten. Aber ohne diese
erzählerischen Fähigkeiten waren die Neandertaler kaum in der Lage, effektiv
in großen Gruppen zusammenzuarbeiten, und genauso wenig konnten sie ihr
Sozialverhalten an plötzlich auftretende Herausforderungen anpassen.
Wir können einem Neandertaler natürlich nicht in den Kopf schauen, um zu
sehen, wie und was er dachte. Es gibt jedoch zahlreiche indirekte Hinweise
dafür, wie beschränkt ihre geistigen Fähigkeiten im Vergleich mit denen der
Sapiens waren. Bei der Ausgrabung von 30000 Jahre alten SapiensFundstätten in Zentraleuropa finden Archäologen immer wieder Muscheln
von der Mittelmeer- oder der Atlantikküste. Diese Muscheln gelangten
vermutlich durch den Handel zwischen verschiedenen Gruppen von Sapiens
ins Innere des Kontinents. Nach allem, was wir wissen, trieben die
Neandertaler dagegen keinen Handel. Jede Gruppe stellte ihre Werkzeuge aus
den Materialien her, die sie vor Ort fand.6
Ein anderes Beispiel stammt aus dem Südpazifik. Die Sapiens-Gruppen, die
auf der Insel Neuirland nördlich von Neuguinea lebten, benutzten ein
Vulkanglas namens Obsidian, um besonders harte und scharfe Werkzeuge
herzustellen. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass das Vulkanglas von
der vierhundert Kilometer entfernt Insel Neubritannien stammte. Einige
Einwohner der Insel müssen also geschickte Seefahrer gewesen sein, die
zwischen den Inseln Handel trieben.7 Wenn Sapiens mit Muscheln und
Obsidian handelten, haben sie vermutlich auch Informationen weitergegeben
und damit ein engmaschigeres und größeres Wissensnetzwerk geschaffen als
Neandertaler und andere Urmenschen.
Die Jagdtechniken sind ein weiteres Beispiel für die Unterschiede zwischen
den verschiedenen Menschenarten. Neandertaler jagten in der Regel allein
oder in kleinen Gruppen. Sapiens entwickelten dagegen Formen der Jagd, an

denen mehrere Dutzend Menschen, vielleicht sogar zum Teil Angehörige
unterschiedlicher Gruppen, beteiligt waren. Eine besonders effektive
Methode bestand darin, eine ganze Herde von Wildpferden oder anderen
Tieren einzukreisen und sie in eine enge Schlucht zu treiben, wo sie leicht in
Massen getötet werden konnten. Wenn alles nach Plan verlief, konnten die
Sapiens so an einem einzigen Nachmittag in gemeinsamer Anstrengung
tonnenweise Fleisch, Fett und Häute erlegen. Archäologen haben Stellen
gefunden, an denen Jahr für Jahr ganze Herden niedergemetzelt wurden. An
einigen Orten errichteten die Menschen sogar Zäune und andere Hindernisse,
um künstliche Fallen und Schlachthöfe zu schaffen.
Die Neandertaler waren vermutlich alles andere als erfreut, als sich ihre
traditionellen Jagdgründe in die Schlachthöfe der Sapiens verwandelten.
Doch wenn es tatsächlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen
beiden Arten gekommen sein sollte, dann erging es den Neandertalern
wahrscheinlich nicht viel besser als den Wildpferden. Fünfzig Neandertaler,
die nach ihren traditionellen und starren Methoden kämpfen, können gegen
fünfhundert flexible und erfinderische Sapiens nur wenig ausrichten. Und
selbst wenn die Sapiens in der ersten Runde den Kürzeren zogen, erfanden
sie vermutlich schnell eine neue Strategie, um sich zu revanchieren.
Was also genau bedeutete die kognitive Revolution?
Theorie

Welche einmalige Fähigkeit entstand in der
kognitiven Revolution?

Nutzen

Der
Löwe
am
Fluss

Die Fähigkeit, große Mengen an Information über die
Umwelt weiterzugeben

Planung und Durchführung
komplizierter Handlungen, zum
Beispiel dem Schutz vor Löwen
oder der Büffeljagd

Klatsch

Die Fähigkeit, große Mengen an Information über
soziale Beziehungen zu kommunizieren

Größere Gruppen mit bis zu 150
Angehörigen, stärkerer
Zusammenhalt innerhalb der
Gruppe

Die Fähigkeit, große Mengen an Information über
Fiktive Dinge zu kommunizieren, die gar nicht existieren, zum
Sprache Beispiel Stammesgeister, Nationen,

a. Zusammenarbeit zwischen
einer sehr großen Zahl von
Menschen, die einander nicht
kennen

Aktiengesellschaften und Menschenrechte

b. Rasche Veränderungen des
Sozialverhaltens

Geschichte und Biologie
Die gewaltige Vielfalt der Wirklichkeiten, die der Homo sapiens erfand, und
die gewaltige Vielfalt von Verhaltensweisen, die sich daraus ergab, machen
das aus, was wir als »Kultur« bezeichnen. Nachdem diese Kulturen einmal
entstanden waren, veränderten und entwickelten sie sich ununterbrochen
weiter, und diese konstanten Umwälzungen bezeichnen wir als »Geschichte«.
Die kognitive Revolution ist der Moment, an dem die Geschichte ihre
Unabhängigkeit von der Biologie erklärte. Von diesem Zeitpunkt an wird die
Entwicklung der Menschheit nicht mehr durch biologische Theorien erklärt,
sondern durch die Geschichtsschreibung.
Was nicht bedeutet, dass sich der Homo sapiens und die menschliche Kultur
von sämtlichen biologischen Gesetzen befreit hätten. Wir sind nach wie vor
Tiere, und unsere Gene geben bis heute den Rahmen für unsere körperlichen,
geistigen und emotionalen Fähigkeiten vor. Unsere Gesellschaften bestehen
aus denselben Grundbausteinen wie die der Neandertaler oder der
Schimpansen, und je genauer wir diese Bausteine – Wahrnehmungen,
Emotionen, Familienbande – unter die Lupe nehmen, desto kleiner
erscheinen die Unterschiede zwischen uns und anderen Affenarten.
Es wäre allerdings falsch, die Unterschiede auf der Ebene des Einzelnen
oder der Familie zu suchen. Als Einzelne und selbst als kleine Gruppen sind
wir den Schimpansen derart ähnlich, dass es schon fast peinlich ist. Deutliche
Unterschiede ergeben sich erst, wenn wir die magische Grenze von 150
Individuen überschreiten – und wenn wir uns Gruppen von tausend oder
zweitausend Individuen ansehen, tut sich ein riesiger Abgrund auf. Stellen
Sie sich vor, was passiert, wenn tausend Schimpansen im Berliner
Hauptbahnhof, im Reichstag, im Olympiastadion oder im KaDeWe
zusammenträfen. Das Ergebnis wäre ein hoffnungsloses Chaos. Sapiens
kommen dagegen an diesen Orten täglich zu Tausenden zusammen und
organisieren
sich
zu
ordentlichen
Mustern,
zum
Beispiel

Geschäftsbeziehungen, Massenveranstaltungen oder politischen Institutionen.
Der eigentliche Unterschied zwischen uns und den Schimpansen ist der
geheimnisvolle Kitt, der eine große Zahl von Individuen, Familien und
Gruppen zusammenhält. Dieser Kitt hat uns zu den Herren der Schöpfung
gemacht.
Natürlich waren dazu auch noch ein paar andere Fähigkeiten nötig, zum
Beispiel der Gebrauch von Werkzeugen. Doch diese hätten kaum
Auswirkungen, wenn wir nicht gleichzeitig in der Lage wären, in großen
Gruppen zusammenzuarbeiten. Wie kommt es, dass wir heute mit
Atomraketen hantieren, während wir vor 30000 Jahren noch mit Speeren auf
die Jagd gingen? Aus biologischer Sicht hat sich unsere Fähigkeit zur
Herstellung von Werkzeugen in den vergangenen 30000 Jahren kaum
verändert. Albert Einstein war handwerklich sehr viel ungeschickter als die
Jäger und Sammler der Steinzeit. Was sich dagegen ganz dramatisch
verbesserte, war unsere Fähigkeit, mit großen Gruppen von wildfremden
Menschen zusammenzuarbeiten. Die Steinspitze eines Speers ließ sich in
relativ kurzer Zeit von einem Einzelnen behauen, dazu waren höchstens Rat
und Unterstützung einiger enger Freunde nötig. An der Herstellung eines
modernen Atomsprengkopfs sind dagegen Millionen von Menschen in aller
Welt beteiligt, die einander nicht kennen: von den Kumpeln, die das Uranerz
aus der Erde holen, bis zu den Physikern, die mit langen mathematischen
Formeln die Reaktionen subatomarer Teilchen beschreiben.

*
Die Beziehung zwischen Biologie und Geschichte nach der kognitiven
Revolution lässt sich so zusammenfassen:
a. Die Biologie gibt den Rahmen für das Verhalten und die Fähigkeiten des
Homo sapiens vor. Die gesamte menschliche Geschichte findet auf diesem
von der Biologie definierten Spielfeld statt.
b. Doch das Spielfeld des Sapiens ist erstaunlich groß und lässt eine
verblüffende Vielfalt von Spielen zu. Mit Hilfe der fiktiven Sprache erfinden

Sapiens immer mehr und immer komplexere Spiele, die von jeder neuen
Generation weitergesponnen und ausgebaut werden.
c. Um das Verhalten der Sapiens zu verstehen, müssen wir uns daher die
geschichtliche Entwicklung unserer Handlungen ansehen. Wenn wir bei den
biologischen Grenzen stehen bleiben würden, dann wäre das ungefähr so, als
würde ein Fußballreporter seinen Zuhörern nur den Rasen beschreiben und
kein Wort über die Partie verlieren.
Aber welche Spiele spielten unsere steinzeitlichen Vorfahren? Nach allem,
was wir heute wissen, brachten die Menschen, die vor 30000 Jahren den
Löwenmenschen der Stadel-Höhle schnitzten, dieselben körperlichen,
geistigen und emotionalen Fähigkeiten mit wie wir. Was taten sie, wenn sie
morgens aufwachten? Was aßen sie zum Frühstück und zum Mittagessen?
Wie sahen ihre Gesellschaften aus? Lebten sie in monogamen Beziehungen
und Kleinfamilien? Kannten sie Feste, Moral, Sport und Rituale? Führten sie
Kriege? Im nächsten Kapitel werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der
Geschichte und sehen uns an, wie das Leben in der Steinzeit aussah.
3 Robin Dunbar, Klatsch und Tratsch: Wie der Mensch zur Sprache fand (München: Bertelsmann,
1998).
4 Michael L. Wilson und Richard W. Wrangham, »Intergroup Relations in Chimpanzees«, Annual
Review of Anthropology 32 (2003), S. 363–392; M. McFarland Symington, »Fission-Fusion Social
Organization in Ateles and Pan«, International Journal of Primatology, 11:1 (1990), S. 49; Colin A.
Chapman und Lauren J. Chapman, »Determinants of Groups Size in Primates: The Importance of
Travel Costs«, in On the Move: How and Why Animals Travel in Groups, hrg. v. Sue Boinsky und
Paul A. Garber (Chicago: University of Chicago Press, 2000), S. 26.
5 Dunbar, Klatsch und Tratsch; Leslie C. Aiello und R. I. M. Dunbar, »Neocortex Size, Group Size,
and the Evolution of Language«, Current Anthropology 34:2 (1993), S. 189. Eine Kritik dieses
Ansatzes finden Sie in Christopher McCarthy u. a., »Comparing Two Methods for Estimating
Network Size«, Human Organization 60:1 (2001), S. 32; R. A. Hill und R. I. M. Dunbar, »Social
Network Size in Humans«, Human Nature 14:1 (2003), S. 65.
6 Yvette Taborin, »Shells of the French Aurignacian and Perigordian«, in Before Lascaux: The
Complete Record of the Early Upper Paleolithic, hrg. v. Heidi Knecht, Anne Pike-Tay und Randall
White (Boca Raton: CRC Press, 1993), S. 211–28.
7 G.R. Summerhayes, »Application of PIXE-PIGME to Archaeological Analysis of Changing Patterns
of Obsidian Use in West New Britain, Papua New Guinea«, in Archaeological Obsidian Studies:
Method and Theory, hrg. v. Steven M. Shackley (New York: Plenum Press, 1998), S. 129–58.

Kapitel 3
Ein Tag im Leben von Adam und Eva

Um unsere Natur, Psyche und Geschichte zu verstehen, müssen wir einen
Blick in den Kopf der Jäger und Sammler der Steinzeit werfen. Die Sapiens
lebten die längste Zeit ihrer Geschichte als Wildbeuter. Die letzten zwei
Jahrhunderte, in denen wir unsere Brötchen als Arbeiter und Angestellte
verdienen mussten, und die zehn Jahrtausende davor, in denen wir uns als
Bauern und Hirten durchgeschlagen haben, sind nur ein Wimpernschlag im
Vergleich zu den Hunderttausenden von Jahren, in denen unsere Vorfahren
jagten und sammelten.
Die Vertreter des neuen Gebiets der Evolutionspsychologie nehmen an, dass
unsere Gesellschaft und Psyche vor allem während dieser langen Phase vor
der Erfindung der Landwirtschaft geprägt wurden. Bis heute sind unsere
Gehirne daher auf ein Leben als Jäger und Sammler programmiert. Unsere
Ernährungsgewohnheiten, unsere Konflikte und unsere Sexualität ergeben
sich aus der Konfrontation unserer Steinzeitgehirne mit der entfremdeten
Welt der Megastädte, Flugzeuge, Telefone und Computer. Dieser modernen
Umwelt haben wir es zu verdanken, dass wir heute mehr Ressourcen zur
Verfügung haben und länger leben als sämtliche unserer Vorfahren, doch
dieselbe Umwelt ist auch dafür verantwortlich, dass wir uns oft einsam,
deprimiert und gestresst fühlen. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen
wir uns die Welt der Wildbeuter ansehen, die uns ihren Stempel aufgedrückt
hat, denn das ist die Welt, in der wir unbewusst bis heute leben.
Warum werden wir beispielsweise immer dicker? Die modernen
Industriegesellschaften leiden unter einer regelrechten Fettepidemie. Wir
essen, selbst wenn wir gar keinen Hunger haben. Schlimmer noch, wir

können es nie bei einem einzigen Plätzchen belassen und stopfen uns mit den
süßesten, fettigsten und kalorienreichsten Lebensmitteln voll, die wir finden
können. Die Erklärung dafür sind die Ernährungsgewohnheiten unserer
Vorfahren. In ihrer Welt war Zucker ein knappes Gut, so wie jede Form der
Nahrung nur unter Mühen zu beschaffen war. Ein typischer Wildbeuter vor
30000 Jahren kannte Süßigkeiten nur in Form von reifen Früchten. Wenn
eine Steinzeitfrau bei ihrem Streifzug durch die Savanne auf einen Baum
stieß, der sich unter reifen Feigen bog, dann war es nur vernünftig, sich den
Magen vollzuschlagen, ehe die Pavianhorde aus der Nachbarschaft den Baum
plünderte. Dieser Instinkt, Kalorien in uns hineinzuschaufeln, ist fest in
unseren Genen programmiert. Obwohl wir heute in modernen Wohnungen
mit gut gefüllten Kühlschränken wohnen, sind unsere Gene überzeugt, dass
wir immer noch durch die Savanne streifen. Wenn wir im Gefrierfach einen
Kübel Schokoladeneis finden, löffeln wir ihn deshalb auf einen Sitz weg und
spülen ihn am besten noch mit einer großen Cola hinunter.
Die Theorie vom »Fress-Gen« wird heute allgemein akzeptiert. Andere
Theorien sind dagegen umstrittener. Zum Beispiel behaupten einige
Evolutionspsychologen, die Steinzeitmenschen lebten nicht als monogame
Paare in Kleinfamilien. Stattdessen organisierten sie sich in Kommunen und
kannten weder Privatbesitz noch Monogamie oder Vaterschaft. Damals
konnten Frauen mit mehreren Männern (und Frauen) gleichzeitig
Beziehungen eingehen. Die Kinder wurden nicht in Kleinfamilien
aufgezogen, sondern von der ganzen Gruppe. Da kein Mann wissen konnte,
welches Kind von ihm stammte und welches nicht, kümmerten sich die
Männer gemeinsam um den gesamten Nachwuchs.
Das ist keine Hippie-Fantasie. Solche und ähnliche Gesellschaftsformen
kennen wir von Tieren, vor allem von unseren nächsten Verwandten, den
Schimpansen und Bonobos. Anthropologen weisen außerdem darauf hin,
dass einige menschliche Kulturen bis heute die kollektive Vaterschaft
praktizieren. Nach den Mythen dieser Völker wird ein Kind nicht durch die
Spermazelle eines einzelnen Mannes gezeugt, sondern durch eine
Ansammlung von Spermien im Bauch der Frau. Eine gute Mutter muss also
sehr darauf achten, mit so vielen Männern wie möglich zu schlafen, vor allem

während der Schwangerschaft, damit ihr Kind nicht nur die Qualitäten des
erfolgreichsten Jägers mitbekommt, sondern auch die des besten
Geschichtenerzählers, des mutigsten Kriegers und des attraktivsten
Liebhabers. Wir mögen diese Vorstellung albern finden, doch vor der
Entwicklung der Embryonenforschung konnte eben noch niemand wissen,
dass Kinder immer nur von einem einzigen Mann gezeugt wurden.
Vertreter dieser Theorie der »Ur-Kommune« behaupten, wenn in modernen
Ehen die Untreue und die hohe Scheidungsrate ein derartiges Problem
darstellen, und wenn Kinder und Erwachsene heute unter zahlreichen
psychischen Probleme zu leiden haben, dann liege das daran, dass wir
entgegen unserer eigentlichen Natur in Kleinfamilien und monogame
Beziehungen gesperrt würden. Diese Lebensform sei schlicht unvereinbar mit
unserer biologischen Software.8
Andere Forscher widersprechen dieser Theorie vehement. Sie behaupten,
Kleinfamilien und Monogamie seien sehr wohl fest in der menschlichen
Natur verankert. Die Gemeinschaften der Jäger und Sammler seien zwar
egalitärer und kommunistischer gewesen als unsere heutigen Gesellschaften,
doch schon damals seien die kleinsten Einheiten eifersüchtige Paare mit ihren
jeweiligen Kindern gewesen. Das sei auch der Grund, warum die meisten
Gesellschaften bis heute Kleinfamilien und monogame Beziehungen
bevorzugen, warum sich Frauen und Männer so besitzergreifend gegenüber
ihren Partnern und Kindern verhielten, und warum in Staaten wie Nordkorea
oder Syrien die politische Macht nach wie vor vom Vater auf den Sohn
übergehe.
Um herauszufinden, wer in diesem Streit Recht haben könnte, und um
unsere moderne Gesellschaft, Politik und Sexualität besser zu verstehen,
wollen wir uns das Leben unserer jagenden und sammelnden Vorfahren
genauer ansehen.

*
Leider gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse über das Leben unserer
steinzeitlichen Vorfahren. Die Vertreter der Theorie der »Ur-Kommune«

haben genauso wenig handfeste Beweise für ihre Thesen wie die Verfechter
der »ewigen Monogamie«. Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen aus
der Zeit der Jäger und Sammler, und die archäologischen Überreste sind vor
allem Knochen und Steinwerkzeuge. Erzeugnisse aus vergänglicheren
Materialien wie Holz, Bambus oder Leder haben nur in Ausnahmefällen
überlebt. Schon die Vorstellung, dass die Menschen vor der Erfindung der
Landwirtschaft in der »Steinzeit« lebten, ist im Grunde ein Irrtum, der auf
diesen archäologischen Funden beruht. Genau genommen lebten die
Urmenschen nämlich in der »Holzzeit«, denn aus diesem Material stellten sie
die meisten ihrer Werkzeuge her. Wenn wir fast ausschließlich
Steinwerkzeuge gefunden haben, dann liegt das daran, dass Stein dem Zahn
der Zeit besser widersteht als Holz.
Es wäre vermessen zu glauben, dass wir das Leben der Jäger und Sammler
anhand der wenigen Gegenstände rekonstruieren könnten, die sie hinterlassen
haben. Im Gegensatz zu ihren Nachfahren der Agrar- und
Industriegesellschaft hatten die Wildbeuter so gut wie keinen Besitz, und
Dinge spielten in ihrem Leben nur eine sehr untergeordnete Rolle. Als
Angehörige von modernen Industriegesellschaften besitzen wir im Laufe
unseres Lebens Abermillionen von Gegenständen, angefangen von
Milchtüten und Windeln bis zu Autos und Häusern. Es gibt kaum eine
Tätigkeit, oder Glaubensvorstellung und sogar kaum ein Gefühl, für das wir
keine Requisiten benötigen. Allein zum Essen brauchen wir eine verwirrende
Anzahl von Gegenständen, und zwar nicht nur Teller und Löffel, sondern
auch Genlabors oder Containerschiffe. Für unsere Freizeitbeschäftigungen
habe wir eine unüberschaubare Vielfalt von Spielsachen erfunden,
angefangen von Spielkarten bis hin zu Fußballstadien mit 100000 Plätzen. Zu
unserem Liebesleben gehören Ringe, Betten, modische Kleidung,
Reizwäsche, Kondome, Abendessen bei Kerzenschein, billige Hotels,
Partnervermittlungen, Hochzeitssäle und Catering-Unternehmen. Moderne
Religionen vermitteln uns ihre Götter mithilfe von Kirchen, Moscheen,
Aschrams, Torahrollen, Gebetsrädern, Priestergewändern, Kerzen,
Weihrauch, Weihnachtsbäumen, Matzebällchen, Grabsteinen und
Heiligenbildchen.

Wie sehr wir unser Leben mit Gegenständen zugerümpelt haben, bemerken
wir normalerweise erst, wenn wir umziehen. Die Jäger und Sammler zogen
fast jeden Tag um und mussten alles, was sie mitnehmen wollten, selbst
schleppen. Sie hatten keine Speditionen, Lastwagen und nicht einmal
Lasttiere, die ihnen die Bürde abgenommen hätten. Daher begnügten sie sich
buchstäblich mit einer Handvoll von Gegenständen und kamen bei den
meisten Tätigkeiten, Glaubensvorstellungen und Gefühlen ganz ohne aus.
Wenn Archäologen der fernen Zukunft unser heutiges Leben rekonstruieren
wollten, dann müssten sie sich nur unseren Wohlstandsmüll ansehen. Aber
wenn wir versuchen wollten, die Welt der Wildbeuter anhand der
Gegenstände zu verstehen, die sie verwendeten, dann stehen wir von einem
Rätsel.
Wenn wir das Schwergewicht auf die Untersuchung von Gegenständen
legen, erhalten wir also ein verzerrtes Bild vom Leben der Jäger und
Sammler. Um dieses Problem zu umgehen, untersuchen viele Forscher die
wenigen Gesellschaften von Jägern und Sammlern, die bis heute überlebt
haben. Aber auch das ist nicht so einfach, wie es scheint: Diese Gruppen
lassen sich zwar direkt beobachten, doch es wäre sehr problematisch, aus
diesen Beobachtungen Rückschlüsse auf die Gesellschaften der Steinzeit
ziehen zu wollen.
Erstens stehen die heutigen Gesellschaften von Jägern und Sammlern längst
unter dem Einfluss benachbarter Agrar- und Industriegesellschaften. Es wäre
daher sehr gewagt anzunehmen, dass sie noch so leben wie ihre Vorfahren
vor 30000 Jahren.
Zweitens überlebten die heutigen Gesellschaften von Jägern und Sammlern
vor allem in unwirtlichen Regionen mit schwierigen klimatischen
Bedingungen, in denen die Landwirtschaft nicht Fuß fassen konnte. Die
Völker und Stämme, die sich an die extremen Lebensbedingungen der
Kalahariwüste im Süden Afrikas angepasst haben, sind wohl kaum mit den
Gesellschaften zu vergleichen, die sich in fruchtbaren Regionen wie dem
Jangtse-Tal niederließen. Vor allem ist die Bevölkerungsdichte in der
Kalahari deutlich geringer als vor 30000 Jahren am Jangtse, was wiederum
weitreichende Auswirkungen auf die Größe und Struktur der einzelnen

Gruppen und ihre Beziehungen untereinander hat.
Drittens zeichnen sich Gesellschaften von Jägern und Sammlern vor allem
durch ihre Vielfalt aus. Sie unterscheiden sich nicht nur von einem Kontinent
zum anderen, sondern schon in derselben Region können die Unterschiede
gewaltig sein. Ein gutes Beispiel ist die Vielfalt der australischen Aborigines,
wie sie die europäischen Siedler vorfanden. Kurz vor der Kolonialisierung
durch die Briten lebten auf dem Kontinent schätzungsweise 300000 bis
700000 Jäger und Sammler in 200 bis 600 Stämmen, von denen sich jeder in
weitere Untergruppen unterteilte.9 Jeder Stamm hatte seine Sprache,
Religion, Normen und Bräuche. In der Umgebung von Adelaide in
Südaustralien lebten beispielsweise patriarchalische Klans, in denen die
Familienzugehörigkeit über die Väter weitergegeben wurde und die sich
streng territorial organisierten. In vielen Stämmen Nordaustraliens standen
dagegen die Mütter im Mittelpunkt, und die Stammeszugehörigkeit wurde
über gemeinsame Mythen und Totems definiert, nicht über Territorien.
Die Vermutung liegt nahe, dass die frühen Gesellschaften der Jäger und
Sammler eine ähnliche ethnische und kulturelle Vielfalt aufwiesen, und dass
sich die fünf bis acht Millionen Menschen, die vor Beginn der
landwirtschaftlichen Revolution über unseren Planeten zogen, auf Tausende
Stämme mit ebenso vielen Kulturen und Sprachen verteilten.10 Das war
schließlich das wichtigste Erbe der kognitiven Revolution: Dank der fiktiven
Sprache konnten genetisch weitgehend identische Menschen, die unter
ähnlichen Umweltbedingungen lebten, völlig unterschiedliche Wirklichkeiten
schaffen, die in eigenständigen Normen und Werten zum Ausdruck kamen.
Es wäre beispielsweise durchaus vorstellbar, dass eine Gruppe von Jägern
und Sammlern, die vor 30000 Jahren in Bayern lebte, eine ganz andere
Sprache sprach als eine andere, die durch das benachbarte Sachsen streifte.
Eine dieser beiden Gruppen könnte friedlich gewesen sein, und die andere
extrem kriegerisch. Vielleicht lebten die Bayern in urkommunistischen
Gemeinschaften, während die Sachsen die Kleinfamilie bevorzugten. Die
Bayern könnten sich darauf verlegt haben, stundenlang Holzfiguren zu
schnitzen, während sich die Sachsen auf rituelle Tänze spezialisierten.
Möglicherweise glaubten die Bayern an die Wiedergeburt, während die

Sachsen dies für Unfug hielten. Und vielleicht waren in Bayern
gleichgeschlechtliche Beziehungen die Regel, während sie in Sachsen tabu
waren.
Die anthropologische Untersuchung von modernen Jägern und Sammlern
kann uns einen ungefähren Eindruck davon vermitteln, welche Möglichkeiten
steinzeitlichen Gesellschaften offengestanden haben könnten. Doch vor
30000 Jahren war der Horizont der Möglichkeiten noch deutlich größer, und
die allermeisten davon sind für uns heute nicht mehr nachvollziehbar.11 Die
hitzigen Debatten um die »natürliche Lebensweise« des Homo sapiens
übersieht einen ganz entscheidenden Punkt: Seit der kognitiven Revolution
haben wir Sapiens keine natürliche Lebensweise mehr. Wir können lediglich
aus einer verwirrenden Vielfalt von kulturellen Möglichkeiten wählen.
Die erste Wohlstandsgesellschaft
Sollte es nicht trotzdem möglich sein, einige allgemeine Aussagen darüber zu
treffen, wie das Leben vor der Erfindung der Landwirtschaft ausgesehen
haben könnte? Jedenfalls scheint festzustehen, dass die allermeisten
Menschen in kleinen Gruppen von einigen Dutzend bis wenigen Hundert
Personen lebten, und dass diesen Gruppen ausschließlich Menschen
angehörten. Letzteres mag offensichtlich klingen, doch das ist es keineswegs.
Die meisten Angehörigen von Agrar- und Industriegesellschaften sind
nämlich Haustiere. Sie haben zwar nicht dieselben Rechte, doch sie gehören
zweifelsfrei zu diesen Gesellschaften. Die Bevölkerung von Neuseeland
besteht beispielsweise aus 4,5 Millionen Sapiens und 50 Millionen Schafen.
Von dieser Regel gibt es allerdings eine Ausnahme: Hunde. Der Hund war
das erste Tier, das der Homo sapiens bei sich aufnahm, und zwar lange vor
der landwirtschaftlichen Revolution. Experten sind sich nicht ganz einig,
wann genau das passiert sein könnte, doch die ersten sicheren Hinweise auf
die Existenz von Haushunden sind etwa 15000 Jahre alt. Es ist gut denkbar,
dass sich die Hunde dem menschlichen Rudel schon einige Jahrtausende oder
Jahrzehntausende früher anschlossen.
Hunde wurden zur Jagd und im Kampf eingesetzt, sie warnten vor wilden

Tieren und menschlichen Eindringlingen. Zwischen Hund und Mensch
entstand ein Band des Verständnisses und der Zuneigung, das auf
Gegenseitigkeit beruhte. Manchmal wurden Hunde ähnlich rituell bestattet
wie Menschen. Im Laufe von vielen Generationen entwickelten sich Hunde
und Menschen gemeinsam und lernten, miteinander zu kommunizieren.
Diejenigen Hunde, die sich am besten auf die Bedürfnisse und Gefühle ihrer
menschlichen Begleiter einstellten, erhielten mehr Zuwendung und Futter
und vermehrten sich besser. Gleichzeitig lernten Hunde, die Menschen so zu
manipulieren, wie es ihren Bedürfnissen entsprach. Nach einem 15000 Jahre
dauernden emotionalen Rüstungswettlauf hat der Mensch eine tiefere
emotionale Beziehung zum Hund als zu irgendeinem anderen Tier entwickelt.
Die Angehörigen einer Gruppe kannten einander bestens und waren ein
Leben lang von Verwandten und Freunden umgeben. Einsamkeit und
Privatsphäre waren weitgehend unbekannt. Benachbarte Gruppen
konkurrierten vermutlich um Ressourcen und bekämpften einander, aber
daneben hatten sie wahrscheinlich auch freundschaftliche Kontakte. Sie
tauschten Angehörige aus, jagten gemeinsam, handelten mit seltenen
Ressourcen, gingen Bündnisse ein und feierten religiöse Feste. Diese
Zusammenarbeit war eines der wichtigsten Merkmale des Homo sapiens, und
ihr verdankte er einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen
Menschenarten. Manchmal waren die Bande zwischen benachbarten
Gruppierungen so eng, dass sie einen Stamm bildeten, dieselbe Sprach