Principal Die versteckte Lust der Frauen - Ein Forschungsbericht

Die versteckte Lust der Frauen - Ein Forschungsbericht

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Spinnennetz der Macht

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Daniel Bergner

Die versteckte Lust
der Frauen
Ein Forschungsbericht

Aus dem Amerikanischen
von Henriette Zeltner

3/217

Knaus

Das Original erschien 2013 unter dem Titel What Do Women Want?
Adventures in the Science of Female Desire bei Ecco, einem Imprint
von Harper Collins Publishers, New York.
Um die Privatsphäre der Frauen zu wahren, deren Sexual- und
Privatleben in diesem Buch beschrieben werden, habe ich Namen und
einige geringfügige Details geändert. Das gilt natürlich nicht für die
Wissenschaftlerinnen, über die ich berichte, und auch nicht für
Shanti Owen, von der im achten Kapitel die Rede ist. D. B.
Teile dieses Buches wurden in anderer Form bereits im
New York Times Magazine veröffentlicht.

1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © Daniel Bergner, New York, 2013
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2014
beim Albrecht Knaus Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Antje Steinhäuser
Gesetzt aus der Aldus von Uhl + Massopust, Aalen

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ISBN 978-3-641-13333-7
www.knaus-verlag.de

Für Georgia

Inhalt

1
_____
Wie die Tiere
2
_____
Vagina versus Verstand
3
_____
Das Märchen von der
weiblichen Sexualität
4
_____
Von Affen und Ratten
5
_____

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Narzissmus
6
_____
In einem dunklen Hinterhof
7
_____
Über die Monogamie
8
_____
Vier Nervenbahnen, vier Höhepunkte
9
_____
Einen Zauber bewirken
10
_____
Ein Anfang

Quellen und Literaturempfehlungen
Dank

1
_____

Wie die Tiere

Als sie sich das Thema Frauen und Sex vornahm, machte Meredith
Chivers sich die Mühe, die zivilisierte Welt auszublenden. Gesellschaftliche Konventionen, Sündenregister, all die schwer fassbaren Einflüsse
musste sie sich wegdenken. »Ich habe«, erklärte sie, »viel Zeit darauf
verwendet, mir vorzustellen, wie das Leben der Frühmenschen ausgesehen haben könnte.«
Als ich Meredith Chivers vor sieben Jahren kennenlernte, war sie
Mitte 30. Sie trug schwarze, hochhackige Stiefel, die fast bis zu den Knien reichten, und eine schmale, rechteckige, elegante Brille. Ihr blondes
Haar fiel bis zum A; usschnitt eines schwarzen Tops. Sie war eine junge,
aber ausgezeichnete Wissenschaftlerin der Sexologie, einer Disziplin, die
ein bisschen wie ein Scherz klingt, wie eine falsche Zusammensetzung
von Vor- und Nachsilbe, von niederem Instinkt und hoher Wissenschaft.
Doch die Kombination ist ernst gemeint – die Ambitionen auf diesem
Gebiet waren schon immer groß. Und Chivers bildete da mit ihrem
Vorhaben keine Ausnahme. Sie hoffte, Einblick in das Funktionieren der
Psyche zu bekommen, hoffte, irgendwie hinter die Folgen von Gesellschaft und Erziehung, hinter alles Erlernte zu schauen und ein Stück

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vom ursprünglichen und essenziellen Selbst der Frauen zu erfassen:
eine fundamentale Reihe sexueller Wahrheiten, die – von Natur aus –
vorhanden sind.
Männer sind wie Tiere. Wenn es um die Lust geht, nehmen wir das
quasi als gegeben. Der Mann wird von der Gesellschaft gezähmt, meist
in gewissen Grenzen gehalten, doch die Unterdrückung ist nicht so umfassend, dass sie die Natur des Mannes gänzlich verbergen würde. Dies
macht sich auf unendlich viele Arten bemerkbar – durch Pornografie,
Promiskuität, durch unzählige Blicke auf unzählige begehrenswerte
Körper von Passantinnen. Bestätigt wird das durch zahllose Lektionen
der Populärwissenschaft, die besagen, dass der männliche Verstand
eher von den niederen, weniger entwickelten neuralen Regionen des Gehirns gesteuert wird; dass Männer von evolutionären Kräften darauf
programmiert sind, beim Anblick bestimmter physischer Eigenschaften
oder Proportionen, wie einem Taille-Hüfte-Quotienten von 0,7, der heterosexuelle Männer von Amerika bis Zaire anmacht, unvermeidlich in
Erregung zu geraten; dass Männer, wiederum gemäß dem Diktat der
Evolution, den Auftrag verspüren, den Fortbestand ihrer Gene mit
größtmöglicher Wahrscheinlichkeit zu sichern, und sich daher verpflichtet fühlen, ihren Samen zu verbreiten, und nach so vielen 0,7-Frauen
lechzen wie nur irgend möglich.
Aber warum behaupten wir nicht, dass auch Frauen wie Tiere sind?
Chivers bemühte sich darum, animalische Realitäten aufzudecken.
Ihre Studien führte sie in diversen Städten durch, in Evanston,
Illinois, das gleich neben Chicago liegt, in Toronto sowie zuletzt in Kingston, Ontario, einem total abgeschiedenen, winzigen Ort. Der Flughafen
von Kingston besteht praktisch nur aus einem Hangar. Die Kalksteinhäuser des Ortes wirken zwar ausgesprochen solide, doch man kann
sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich das kleine Zentrum an dem
kalten Fleck, wo der Ontariosee in den Sankt-Lorenz-Strom übergeht,

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seit seiner Gründung als französischer Außenposten für den Pelzhandel
im 17. Jahrhundert nicht groß weiterentwickelt hat. Kingston ist jedoch
Standort der Queen’s University, einer großen und angesehenen
Bildungseinrichtung, an der Meredith Chivers als Professorin für Psychologie lehrte. Gleichzeitig ist die Stadt so schlicht und bescheiden,
dass man sich Leere dort mühelos vorstellen kann. Keine Gebäude, kein
Asphalt, eigentlich nichts außer immergrünen Pflanzen und Schnee.
Die Umgebung erschien mir äußerst passend, als ich die Forscherin
dort besuchte. Denn um zu den Erkenntnissen zu gelangen, die sie anstrebte, musste sie nicht nur gesellschaftliche Normen ausblenden; sie
musste auch alle materiellen und immateriellen Strukturen loswerden,
die auf Bewusstsein und Unterbewusstsein wirken; sie musste eine
reine, ursprüngliche Situation erzeugen, um darauf fußend postulieren
zu können: Das macht die weibliche Sexualität aus.
Aber solche Bedingungen konnte sie für ihre Studien nirgendwo herstellen. Und sehr wahrscheinlich hat es die angestrebte Unverfälschtheit
auch nie gegeben. Selbst die Frühmenschen, also unsere Vorfahren
Homo heidelbergensis und Homo rhodesiensis mit der typischen
fliehenden Stirn, lebten vor ein paar Hunderttausend Jahren bereits in
einer frühen Kultur. Doch Chivers besaß einen Plethysmographen: eine
Miniglühbirne und einen Lichtsensor, die man in die Vagina einführt.
Genau das taten ihre Probandinnen, bevor sie sich auf einem braunen
kunstledernen Sessel niederließen. In dem kleinen, schummrig
beleuchteten Büro in Toronto, wo die Wissenschaftlerin mir erstmals
von ihren Experimenten erzählte. Halb ausgestreckt auf dem Sessel sah
sich jede Studienteilnehmerin auf einem alten, monströsen Computermonitor eine Reihe von Pornoaufnahmen an. Die etwa fünf Zentimeter
lange, durchsichtige Röhre des Plethysmographen wirft Licht gegen die
Scheidenwände und misst die Helligkeit, die diese reflektieren. So lässt
sich die Durchblutung der Vagina messen. Stärkere Durchblutung löst

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etwas aus, das man vaginale Transsudation nennt; dabei tritt Flüssigkeit
aus der Scheidenwand aus. Indirekt misst also der Plethysmograph die
Feuchtigkeit der Vagina. Auf diese Weise kann man die Manipulation
des Verstandes umgehen, die Einmischung höherer Hirnregionen vermeiden und auf ganz primitivem Niveau herausfinden, was Frauen
erregt.
Bei der Anmeldung zu dieser Studie hatten Chivers’ Teilnehmerinnen
angegeben, ob sie heterosexuell oder lesbisch waren. Sie alle bekamen
folgende Szenen gezeigt:
Eine Frau mit üppigen Formen, die auf einer grünen Armeedecke in
einem Wald unter ihrem Geliebten liegt. Der hat kurz geschnittenes
Haar und ausgesprochen breite Schultern. Er stützt den Oberkörper auf
seine muskulösen Arme und dringt in sie ein. Sie hebt dabei ihre Oberschenkel, umschlingt ihn und presst ihre Waden an ihn. Seine Stöße erfolgen immer schneller, wobei man die Pomuskeln arbeiten sieht. Sie
umklammert mit gespreizten Fingern seine trainierten Oberarme.
Nach jedem der eineinhalb Minuten langen Porno-Clips wurden den
Testpersonen Videos gezeigt, die den Plethysmographen wieder auf das
Ausgangsniveau herunterbrachten. Das Kameraauge glitt über
zerklüftete Felsen und ruhte schließlich auf einer karstigen Hochebene.
In der nächsten Porno-Sequenz spaziert ein nackter Mann einen
Strand entlang. Sein Rücken bildet ein V, ausgeprägte Muskeln reichen
bis in seinen Schritt, die Oberschenkel sind ausgesprochen muskulös. Er
wirft einen Stein in die Brandung und lässt seinen imposanten
Brustkorb sehen. An seinem muskulösen Hinterteil ist kein Gramm Fett.
Während er an einem Felsvorsprung entlanggeht, schwingt sein
entspannter Penis von einer Seite zur anderen. Er wirft einen weiteren
Stein und streckt seinen beeindruckenden Rücken.
Eine schlanke Frau mit weichen Zügen, ovalem Gesicht und dunklen
Locken sitzt am Rand einer großen Badewanne. Ihre Haut ist gebräunt,

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die Höfe ihrer Brustwarzen zeichnen sich dunkel ab. Eine andere Frau
taucht aus dem Wasser auf; ihre blonden Haare hat sie sich hinter die
Ohren gestrichen. Sie presst ihr Gesicht zwischen die Schenkel der
Brünetten und streichelt sie mit flinker Zunge.
Kniend umschließt ein unrasierter Mann mit seinen Lippen einen
ziemlich großen Penis, der sich unterhalb eines nackten, muskulösen
Bauchs aufrichtet.
Eine Frau mit langem, schwarzem Haar räkelt sich auf der Lehne
eines Loungesessels, wobei sie ihren makellosen Po anhebt. Dann presst
sie ihren leicht gebräunten nackten Körper gegen die weißen Polster.
Ihre Beine sind lang, die Brüste voll, fest und hoch aufgerichtet. Sie leckt
sich die Fingerspitzen und streichelt damit ihre Klitoris. Schließlich
zieht sie die gespreizten Knie an, massiert eine ihrer Brüste. Ihre Hüften
beginnen, sich zuckend zu heben.
Ein Mann dringt von hinten in einen anderen ein, der lustvoll aufstöhnt; eine Frau kreuzt wie bei einer Turnübung ihre nackten Beine;
ein bebrillter, wohlproportionierter Mann liegt masturbierend auf dem
Rücken; ein Mann zieht einer Frau den schwarzen Stringtanga herunter
und beginnt, sie zu lecken; eine Frau mit umgeschnalltem Dildo sitzt rittlings auf einer anderen Frau.
Schließlich streunt ein Bonobo-Pärchen über eine Wiese, dabei ist die
rosafarbene Erektion des Zwergschimpansenmännchens nicht zu übersehen. Plötzlich bietet sich ihm das Weibchen an, indem es sich auf den
Rücken fallen lässt und die Beine in die Luft reckt. Während das Männchen in wildem Tempo in sie hineinstößt, wirft sie wie in völliger erotischer Hingabe die Arme über ihren Kopf.
Chivers’ Testpersonen, egal ob hetero oder lesbisch, wurden auf ihrem Sessel von all diesen Szenen gleichermaßen angeturnt, sogar von den
kopulierenden Menschenaffen. Die vom Plethysmographen gesammelten Datenmassen lieferten ein Bild anarchischer Erregung.

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Das war mein allererster Eindruck vom Bemühen der Sexologie, dem
weiblichen Verlangen auf den Grund zu gehen. Miteinander bekannt
gemacht hatte uns Chivers’ Ehemann, ein Psychologe, dessen Meinung
ich zu einem anderen Buch über Sex einholen wollte. So erfuhr ich nicht
nur von Chivers, sondern von vielen Wissenschaftlerinnen, die laut
Chivers allmählich eine »kritische Masse« bildeten – allesamt damit
beschäftigt, die weibliche Erotik zu entschlüsseln. Da wären Marta
Meana und ihre technisch hoch entwickelten Eye-Tracker, Lisa Diamond mit ihren Langzeitstudien über das Liebesleben von Frauen und
Terri Fisher mit ihrer Attrappe eines Lügendetektors. Aber auch Männer
beteiligten sich an dem Projekt, etwa Kim Wallen mit seinen Affen und
Jim Pfaus mit Ratten. Nicht zu vergessen Adriaan Tuiten mit seinem genetischen Screening und den eigens kreierten Aphrodisiaka Lybrido und
Lybridos, die er bei der amerikanischen Arzneizulassungsbehörde FDA
einreichte.
Sie alle besuchte ich in ihren Laboren und Tierbeobachtungsstationen, außerdem sprach ich mit unzähligen ganz normalen Frauen, die mir
von ihren Sehnsüchten und ihrer Verwunderung berichteten und
erklärten, wie sie ihre Sexualität begreifen – oder auch nicht begreifen.
Einige der Geschichten sind in dieses Buch eingeflossen. Da war beispielsweise Isabel, die sich mit der Frage quälte, ob sie ihren attraktiven
und anbetungswürdigen Freund heiraten sollte, den sie einst sehr, inzwischen aber nicht mehr begehrte. Wenn sie zusammen an einer Bar
standen, forderte sie ihn hin und wieder auf: »Küss mich, als wären wir
uns noch nie begegnet.« Nur dann verspürte sie noch so etwas wie ein
Echo der Verliebtheit, ganz schwach und nur für einen kurzen Augenblick. »Ich bin noch keine 35«, sagte sie. »Dieses Kribbeln – soll ich das
etwa nie mehr spüren?« Oder Wendy, zehn Jahre älter als Isabel, die
sich für die Studie mit luststeigernden Medikamenten gemeldet hatte.
Sie wollte herausfinden, ob das Experiment mit dieser Pille ihr etwas

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von dem Verlangen zurückgeben konnte, das sie einst für den Vater ihrer beiden Kinder empfunden hatte.
Andere, die ich interviewte, kommen zwar nicht als konkrete Fälle
vor, haben den vorliegenden Text aber dennoch geprägt: Cheryl, die sich
ihre Fähigkeit, Lust zu empfinden, nach einer entstellenden Krebsoperation langsam, aber entschlossen zurückeroberte; Emma, die mich in das
Striplokal bestellte, in dem sie sich zehn Jahre zuvor ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Ich führte Interview um Interview, weil jedes neue
Einsichten brachte. Letztlich haben mich der aktuelle Stand der Wissenschaft und die Aussagen all dieser Frauen zu folgenden Schlussfolgerungen gebracht:
Das weibliche Verlangen – in seiner angeborenen Bandbreite und
Stärke – ist eine unterschätzte und unterdrückte Kraft. Und das selbst in
unseren übersexualisierten und vermeintlich so freizügigen Zeiten.
Auch wenn das in unserer Gesellschaft weiterhin ganz anders wahrgenommen wird, ist die Lust der Frauen meistens nicht von emotionaler
Nähe und Geborgenheit abhängig und befeuert, wie Marta Meana in
ihren Experimenten zeigen konnte.
Eine wichtige gesellschaftliche Übereinkunft, die beide Geschlechter
gern bedienen, wonach die weibliche Lust viel eher zur monogamen
Beziehung taugt als die männliche Libido, ist im Grunde nichts als ein
Märchen.
Dabei ist die Monogamie eines der meistgeschätzten und am tiefsten
verwurzelten Ideale unserer Kultur. Wir mögen an ihm zweifeln, uns
fragen, ob es ein Irrtum ist, und vielleicht selbst daran scheitern, aber
dennoch betrachten wir es als beruhigende, schlichte Gewissheit. Wir
definieren unsere romantischen Vorstellungen darüber, lassen unsere
Familienform davon diktieren oder zumindest unseren Traum vom
häuslichen Glück. Nicht zuletzt ist unsere Überzeugung, was gute Eltern
ausmacht, davon geprägt. Die monogame Beziehung ist – oder

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zumindest empfinden wir es so – Teil des Gefüges, das unsere Gesellschaft zusammenhält und dafür sorgt, dass nicht alles auseinanderfällt.
Frauen gelten als die geradezu natürlichen Verbündeten, die Hüterinnen, ja Verfechterinnen dieser Norm, weil ihr Geschlecht angeblich
rein biologisch eher zur Treue neigt. An dieses Märchen klammern wir
uns. Und zwar mithilfe der sehr dürftig belegten Evolutionspsychologie
à la »Männer sind anders, Frauen auch«, die unser Bewusstsein durchdringt und unsere Ängste dämpft. Unterdessen forschen Pharmaunternehmen an einem Medikament, einer Lustpille für Frauen, die die
Monogamie rettet, indem sie die Unlust auf den vertrauten Partner
nimmt.

2
_____

Vagina versus Verstand

Meredith Chivers führt die Begeisterung für das Sammeln von Daten auf
ihren Vater, einen Oberst bei der kanadischen Luftwaffe, zurück. Nach
seinem Studium der Anthropotechnik entwickelte er Cockpits für Kampfjets, beschäftigte sich mit den Reaktionszeiten auf Signale und der Optimierung von Kontrollsystemen. Er lehrte seine Tochter, Wissen durch
Anschauung wertzuschätzen. Mithilfe eines Steins, den er vor ihren Augen zerschlug, erklärte er geologische Formationen; anhand von ausgegrabenen Regenwürmern veranschaulichte er die Belüftung des Bodens.
Wenn das wöchentliche Fernsehprogramm der Zeitung beilag, strich
Meredith sich darin alle Wissenschaftssendungen an. Für ihren Hamster baute sie aus Schuhkartons Labyrinthe und fand dabei heraus, was
das optimale Lockmittel war. Erdnussbutter etwa roch zu intensiv, was
das Haustier verwirrte, also verlegte sie sich auf Gemüse. In Experimenten erforschte sie, ob der nachtaktive Nager den Weg zum Futter
nachts schneller fand als tagsüber.
In der väterlichen Werkstatt im Keller bastelte sie unter seiner Aufsicht einen Kühlschrank mit winzigen Scharnieren aus Draht und einen
Pferdestall zu dem von ihrem Vater gebauten Puppenhaus. Es

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faszinierte sie, wie etwas – ob Sache oder Lebewesen – zusammenpasste
und funktionierte. Am College studierte sie Neurowissenschaft und
konzentrierte sich vor allem auf Biophysik und Biochemie. Auf den
Vorschlag einer Freundin hin, doch auch mal etwas Einfaches zu
machen, schrieb sich Meredith Chivers für einen Kurs zum Thema Sexualität ein. An der Vorlesung nahmen 600 Studenten teil. Einmal zeigte
der Professor Dias. Eine Vulva war zu sehen. Die Vertiefungen und Falten des weiblichen Genitals füllten in der Nahaufnahme die ganze Leinwand aus. Der Saal wurde von Ekel erfüllt, ein kollektives »Iiiiih!« war
zu hören, und das kam, wie Chivers bemerkte, vor allem von den Studentinnen. Die Nahaufnahme eines Penis löste dagegen keinen Widerwillen, keine ablehnenden Laute bei irgendjemandem aus.
Damals, an der Highschool, hatte Chivers für ein paar Klassenkameraden die anatomische Skizze einer Vulva angefertigt, damit die Jungs
die Klitoris leichter finden konnten. Angesichts der vielstimmigen Ekelbezeugungen wunderte sie sich: So empfindet ihr also für euren eigenen
Körper?
Nach dieser Vorlesung meldete sie sich zu einem sexualwissenschaftlichen Seminar an. Dort hielt sie ein Referat über Orgasmusprobleme
von Frauen. Dazu zeigte sie das Video einer über Sechzigjährigen, die
von ihrem neuen Partner und dem damit verbundenen späten sexuellen
Erwachen berichtete. Danach leitete sie eine angeregte Diskussion und
verließ die Veranstaltung ausgesprochen ermutigt. Trotzdem konnte sie
sich damals noch keinen Beruf vorstellen, bei dem es in der Hauptsache
um Sex ging. Außer Sexualtherapie, die sie jedoch nicht interessierte. Sie
blieb lieber bei der Neuropsychologie und führte schließlich im Rahmen
einer wissenschaftlichen Arbeit ein Experiment durch, das der jungen
Wissenschaftlerin neues Beweismaterial lieferte: Sie konnte nachweisen,
dass homosexuelle Männer bei einem Test mit dreidimensionalen

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Figuren im Durchschnitt genau wie die getesteten Frauen weniger gut
abschnitten als heterosexuelle Männer.
Dieses studentische Projekt war nicht sehr politisch. Doch es fiel in
einen wissenschaftlichen Bereich, in dem erbittert debattiert wird, und
zwar vor allem deshalb, weil einiges darauf hindeutet, dass es in der Intelligenz von Frauen und Männern Unterschiede gibt, die nicht gesellschaftlich, sondern genetisch bedingt sind. Chivers kümmerte sich allerdings weniger um den Geschlechterkampf, sondern legte ihr Augenmerk auf einen faszinierenden Zusammenhang: zwischen Geschlecht
(dabei hatte sie die Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten von Frauen
und Männern beim imaginierten Drehen dreidimensionaler Figuren im
Hinterkopf), Verlangen (vergleichbare Diskrepanz zwischen Homosexuellen und Heteros) und neurologischen Aspekten, die durchaus
auch angeboren sein könnten. Nach ihrem Abschluss ergatterte sie eine
Assistentenstelle in einem Labor in Toronto. Dort sollte sie später, nach
ihrer Promotion, auch das kleine Büro beziehen, in dem die Studie mit
dem Plethysmographen stattfand. Übrigens gehört das Labor zum angesehensten psychiatrischen Lehrkrankenhaus Kanadas. Als Chivers mit
22 Jahren dort anfing, war sie die einzige Frau auf dem ganzen Stockwerk. Das Institut beschäftigte sich ausschließlich mit männlicher Sexualität. Eines Tages fragte sie Kurt Freund, den mit 81 Jahren ältesten
Wissenschaftler des Instituts und eine Koryphäe, warum er sich noch
nie mit weiblicher Sexualität beschäftigt hätte.
Der glatzköpfige Mann mit der scharf geschnittenen Nase stammte
ursprünglich aus der Tschechoslowakei. Dort hatte die Armee in den
1960er Jahren Psychiater engagiert, die Rekruten überführen sollten,
die – um der Wehrpflicht zu entgehen – vorgaben, homosexuell zu sein.
Dafür hatte Kurt Freund eine Art männliche Version des Plethysmographen entwickelt. Doch das war lange vor der Existenz des weiblichen
Äquivalents. Man stülpte einen Glaszylinder über den Penis, der am

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Schaft luftdicht abschloss. Dann präsentierte man den jungen Männern
Bilder. Ein Messgerät zeigte den Luftdruck und eine eventuelle Schwellung an. Wenn bei den Wehrpflichtigen der Druck nicht stieg, sobald
Freund ihnen provokante Fotos junger Männer vorlegte, wurde der
Proband in die Armee gesteckt.
Freund machte allerdings nicht mit der Jagd auf angebliche Homosexuelle Karriere. Anfangs versuchte er, Schwule mittels Psychoanalyse
zu heilen; doch schon bald bestellte er seine Patienten zu sich und gab
ihnen ihr Geld zurück. Er erklärte, dass die Ursache von Homosexualität
biologisch sei und weniger mit der Erziehung zu tun habe, demnach
auch nicht behandelbar sei. Vor diesem Hintergrund kämpfte er gegen
tschechische Gesetze, die Homosexuelle diskriminierten. Nachdem er
vor dem Kommunismus nach Toronto geflohen war, half seine visionäre
These von einer permanenten sexuellen Orientierung bei Männern –
und die Überzeugung, dass Schwulsein alles andere als eine Krankheit
ist –, die American Psychiatric Association dazu zu bringen, dass diese
1973 Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Störungen nahm.
Wie auch alle anderen Wissenschaftler in diesem Labor in Toronto
betonte Freund die angeborene Prägung sexuellen Verlangens. Angeborenes und Anerzogenes wirken zwar permanent zusammen, aber eben
nicht exakt im Verhältnis 50 : 50. Freund beantwortete Chivers’ Frage
mit einer Gegenfrage: »Wie könnte ich wissen, wie es ist, eine Frau zu
sein? Wer bin ich, dass ich Frauen erforschen könnte, wo ich doch selbst
ein Mann bin?« Seine Worte postierten sie auf der anderen Seite einer
Kluft – in seinen Augen eines Abgrunds. Für sie war damit eine Herausforderung in den Raum gestellt. Es galt, Experimente anzustellen, Daten
zu sammeln, Schlussfolgerungen zu ziehen, Ergebnisse zu replizieren.
Sie nahm sich vor, eines Tages eine Karte der weiblichen Lust zu
zeichnen. »Ich fühle mich wie ein Pionier am Saum eines riesigen

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Waldes«, erzählte sie mir bei unserer ersten Begegnung. »Es gibt einen
Pfad, der hineinführt, aber nicht viel mehr.«
Diese Suche lässt an Sigmund Freuds berühmte Worte denken, die
dieser vor fast einem Jahrhundert an Marie Bonaparte richtete. Diese
Urgroßnichte Napoleons war eine von Freuds psychoanalytischen
Schülerinnen. Freud soll zu ihr gesagt haben: »Die große Frage, die ich
trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu
beantworten vermag, lautet: Was will eine Frau?«
Während sie sich die erotischen Videoclips ansahen, trugen Meredith
Chivers’ Probandinnen nicht nur einen Plethysmographen in sich, sondern hatten auch eine kleine Tastatur in der Hand. Darauf sollten sie
ihre Erregung selbst bewerten. So erhielt Chivers physiologische Daten
sowie eine Selbsteinschätzung – quasi objektives und subjektives Material. Beides stimmte so gut wie nie überein. Und dies wiederum rief
heftige Reaktionen in der Wissenschaftswelt hervor.
Frauen mit Frauen, Männer mit Männern, Männer mit Frauen, Männer und Frauen jeweils allein masturbierend – die objektiven
Messergebnisse, also die Amplituden der vaginalen Durchblutung, stiegen bei allen Bildern, die den Probanden gezeigt wurden, egal, was die
Menschen taten, miteinander oder mit sich selbst. Lust wurde katalysiert; die Durchblutung verstärkt; die Kapillaren pulsierten. Die Intensität des Pulsierens unterschied sich jedoch in einigen Fällen, von
denen einer besonders erstaunlich war: die Bilder mit den kopulierenden Zwergschimpansen erzeugten eine schwächere Durchblutung als
die Pornos mit Menschen, allerdings mit einer Ausnahme. Bei allen
Frauen, den hetero- wie homosexuellen, schnitt der allein über den
Strand spazierende Mann – ein wahrer Adonis – schlechter ab als die
kopulierenden Affen. Was sollte man daraus ableiten?

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Weitere Unterschiede zeigten sich bei lesbischen Frauen: Im Verlauf
der diversen Studien, die Chivers durchführte – um die Zuverlässigkeit
ihrer Daten zu erhöhen –, erwiesen diese sich als wählerisch; die Amplitude war bei Videos mit weiblichen Darstellern größer und auch bei
Szenen mit homosexuellen Männern.
Alles in allem: Nach Auswertung des Materials, das von den vaginalen
Membranen an die Sensoren und wiederum an die Software übertragen
worden war, stellte sich heraus, dass die weibliche Libido anscheinend
ein »Allesfresser« ist.
Wie die Frauen ihre Empfindungen über die Tastatur bewertet hatten, stand in völligem Widerspruch zu den Messergebnissen des
Plethysmographen. Der Verstand verleugnete die Vagina. Laut Selbsteinschätzung waren die Bonobos den Probandinnen gleichgültig. Doch
damit nicht genug: Von den Szenen, in denen Frauen sich selbst berührten oder mit anderen Frauen zugange waren, behaupteten die heterosexuellen Teilnehmerinnen, viel weniger erregt zu werden, als ihre
Genitalien verrieten. Bei den Sequenzen mit schwulen Männern beurteilten sich die heterosexuellen Frauen als noch weniger interessiert –
was in noch größerem Gegensatz zu dem stand, was sich tatsächlich
zwischen ihren Beinen abspielte. Chivers stand auch bei den Daten der
lesbischen Frauen vor einer massiven Differenz zwischen Messergebnis
und Selbsteinschätzung: Die Tastaturen verzeichneten geringes Interesse, wann immer in den Clips Männer Sex hatten oder
masturbierten.
Dann unterzog die Wissenschaftlerin hetero- und homosexuelle Männer dem gleichen Experiment. Mit einem für sie geeigneten Plethysmographen verbunden, reagierten ihre Genitalien völlig anders als die der
Frauen – ihre Reaktionen waren so vorhersehbar, dass Chivers sie als
»typentsprechend« bezeichnete. Heterosexuelle Männer reagierten mit
einer schwachen Erektion auf masturbierende Geschlechtsgenossen. Die

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Reaktion war etwas stärker, wenn sie zwei Männer zusammen sahen. All
das war jedoch nichts im Vergleich zur physiologischen Erregung beim
Anblick von Frauen allein, Frauen mit Männern, aber vor allem bei
Frauen, die mit Frauen Sex hatten. Noch typentsprechender verhielten
sich schwule Männer. Ihr Messgerät schlug bei masturbierenden Männern heftig aus, ging bei Sex unter Männern quasi durch die Decke und
reagierte durchaus auch, allerdings nicht so heftig, wenn Männer
zusammen mit Frauen gezeigt wurden. Fast tot blieb der Plethysmograph, wenn nur Frauen auf dem Bildschirm auftauchten.
Und was die Bonobos betrifft: Hier erwies sich jeglicher Verdacht, irgendwelche primitiven Instinkte des männlichen Geschlechts würden
auf die Begattung der Tiere reagieren, als falsch. Die Genitalien sowohl
der schwulen als auch der heterosexuellen Männer zeigten sich von den
Primaten genauso beeindruckt wie von den Bildern der Berge und
Hochebenen. Außerdem waren bei den Männern Messergebnisse und
Selbstwahrnehmung in Übereinstimmung. Verstand und Geschlecht
übermittelten die gleichen Eindrücke.
Wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen dem, was die Probandinnen
behaupteten, und dem, was ihre Genitalien verrieten? Diverse
Begründungen kamen infrage. Chivers zog die Anatomie als einen Faktor in Erwägung. Penisse vergrößern sich, drücken gegen die Kleidung.
Dann schrumpfen sie ebenso sichtbar wieder zusammen. Jungen wachsen mit einem permanenten Bewusstsein davon auf; Männerhirne sind
es gewohnt, Informationen ihrer Genitalien zu verarbeiten. So entwickelt sich eine Art sexuelle Schleife zwischen Körper und Wahrnehmung,
die sich gegenseitig beeinflussen. Das Ganze funktioniert schnell und
unkompliziert. Die eher verdeckten weiblichen Geschlechtsorgane übermitteln ihre Botschaften weniger klar und sind daher leichter falsch zu
verstehen.

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Aber haben die Frauen eher bewusst geleugnet oder sich eher unbewusst gegen die Tatsache gesperrt, dass eine solche Vielzahl von Dingen
ihnen – und zwar unmittelbar – Lust bereitet?
Die Divergenz in den Ergebnissen von Chivers passt zu einer Studie
von Terri Fisher. Die Psychologin an der Ohio State University legte 200
weiblichen und männlichen Studenten im Grundstudium einen Fragebogen zum Thema Masturbation und Pornokonsum vor. Die Teilnehmer
wurden in Gruppen eingeteilt und beantworteten die Fragen unter verschiedenen Bedingungen: Gruppe 1 sollte den ausgefüllten Bogen einem
Kommilitonen aushändigen, der ihnen beim Ausfüllen zusah. Gruppe 2
bekam die explizite Zusicherung, dass alle Angaben anonym behandelt
würden. Gruppe 3 wurde an eine Lügendetektor-Attrappe
angeschlossen.
Die Antworten der männlichen Probanden waren unter allen drei
Bedingungen ungefähr gleich, während sich bei den Probandinnen die
Umstände massiv auswirkten. Viele der Frauen der ersten Gruppe – die
sich Sorgen machen mussten, dass der andere Student die Antworten
sehen würde – gaben an, niemals zu masturbieren und sich nie nicht-jugendfreie Sachen anzusehen. Die Frauen, denen man absolute Anonymität garantiert hatte, gaben schon deutlich mehr zu, und diejenigen, die
an den vermeintlichen Lügendetektor angeschlossen wurden, antworteten fast exakt so wie die Männer.
Terri Fisher erzählte mir, die Fragen seien eher vage formuliert
gewesen und hatten keine konkreten Zahlenangaben verlangt. Grund
dafür war die konservative Grundhaltung gewesen, die die Wissenschaftlerin auf dem Campus wahrgenommen hatte. So erbrachte die
Umfrage zwar keine genauen Angaben zu Masturbation und Pornokonsum, aber sie zeigte deutlich, dass die meisten Frauen sich unbehaglich
fühlen, wenn es darum geht, das Ausmaß ihres sexuellen Verlangens zu
bekennen. Als Terri Fisher Frauen unter den gleichen drei Bedingungen

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fragte, wie viele Sexualpartner sie schon hatten, lagen die Ergebnisse in
der ersten Gruppe um 70 Prozent niedriger als bei den Frauen mit dem
falschen Lügendetektor. Daraufhin wiederholte die Wissenschaftlerin
diesen Teil des Experiments mit 300 neuen Probanden. Dabei räumten
die Frauen, die sich an den Lügendetektor angeschlossen glaubten,
nicht nur mehr Partner ein als ihre Geschlechtsgenossinnen, sondern
ihre Zahlen waren sogar noch beträchtlich höher als die der teilnehmenden Männer.
Diese Form von bewusster Leugnung könnte sehr gut die Selbsteinschätzungen der heterosexuellen Frauen in Meredith Chivers’ Experiment verzerrt haben, aber hatte sie auch die Lesben beeinflusst?
Viele von ihnen könnten eine gewisse Trotzhaltung in Bezug auf ihre
Sexualität eingenommen haben, doch hätte diese dann den Impuls zu
lügen nicht dämpfen müssen? Vielleicht, aber es könnte auch eine andere Art von Selbstzensur stattgefunden haben: etwa den eigenen
sexuellen Neigungen entsprechen zu wollen, um ihrer Identität als
Angehörige einer Minderheit treu zu bleiben.
Terri Fishers Studie deutete auf bewusstes Leugnen hin. Chivers vermutete dagegen subtilere Gründe. In Tagebüchern hatte sie Spuren von
Beweisen gefunden – unbestätigt, dürftig, wie so vieles, auf das sie sich
gern verlassen hätte, um zu belegen, dass Frauen mit den Empfindungen ihres Körpers weniger verbunden, sich ihrer weniger bewusst sind
als Männer, und das nicht nur in erotischer Hinsicht. Gab es etwa eine
Art neuralen Filter zwischen dem Körper der Frau und den Regionen
ihres Gehirns, die für das Bewusstsein zuständig sind? Irgendetwas in
den Nervenbahnen? Und zwar vor allem, wenn es um sexuelle Signale
ging? Und handelte es sich dabei um ein Ergebnis genetischer oder
sozialer Codes? Lernten Mädchen und Frauen irgendwie, zu ihrem
physischen Selbst psychisch auf Distanz zu gehen? Irgendwann im Verlauf unserer über sieben Jahre hinweg geführten Gespräche äußerte sich

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Chivers unverblümt über Angeborenes und Anerzogenes, über Natur
und Erziehung im Zusammenhang mit weiblicher Lust. Über einen langen Zeitraum hinweg stellte sie jedoch noch keinerlei Behauptungen
auf. Ihre wissenschaftlichen Absichten waren aggressiv, denn sie bestritt
die gesellschaftliche Prägung und konzentrierte sich ganz auf das Biologische. Doch sie ließ die Vorsicht einer Wissenschaftlerin walten, die
Zurückhaltung einer Empirikerin; es widerstrebte ihr, mehr zu behaupten, als die erhobenen Daten belegten.
Terri Fisher dagegen nannte die Zwänge deutlicher beim Namen.
»Ein sexuelles Wesen zu sein«, sagte sie, »jemand, dem Sexualität gestattet wird, diese Freiheit gewährt die Gesellschaft Männern viel bereitwilliger als Frauen.« Ihr Lügendetektor lieferte den unbestreitbaren Beweis dafür.
Rebecca war eine zweiundvierzigjährige Grundschullehrerin für Musik
und hatte drei Kinder. Eines Nachmittags entdeckte sie auf dem Computer, den sie und ihr Ehemann gemeinsam nutzten, das Foto einer
Frau – ganz offensichtlich seine Geliebte. Diese Erkenntnis war in jeder
Hinsicht niederschmetternd. Der Altersunterschied zwischen ihnen
beiden stach Rebecca sofort ins Auge. Ein besonders heimtückisches
Detail waren die Brüste der Frau, die auf dem Foto gut zu sehen waren
und nach Rebeccas Ansicht ihren eigenen – durch das Stillen der
Kinder, wie sie fand, extrem erschlafften – weit überlegen waren. Dazu
kam noch das sich unverzüglich einstellende Gefühl, dass ihr Mann das
Foto absichtlich hinterlassen hatte, damit sie es finden und die Affäre
auffliegen sollte. Und zwar, weil ihm selbst der Mut fehlte, seine Ehe zu
beenden und mit dieser Frau zusammenzuziehen, die ihm vom Bildschirm aus eine alberne Kusshand zuwarf. Das gewisse Chaos, das die
Entdeckung nach sich ziehen würde, sollte anscheinend verschleiern,
dass er diese Flucht schon länger im Sinn gehabt hatte.

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Gemäß dem Rat ihrer Therapeutin versuchte Rebecca nicht, ihren
Mann zum Bleiben zu überreden. Das überließ sie gemeinsamen Freunden. Außerdem besorgte sie ihrem Mann ein Buch, das die Suche nach
spiritueller Erfüllung anstatt der Jagd nach neuer Liebe empfahl.
Trotzdem war sie innerhalb weniger Wochen alleinerziehend und fand
sich häufig vor dem Computer wieder, wo sie sich mit dem Bild der halb
nackten Frau verglich, das sie sich an ihre eigene E-Mail-Adresse weitergeleitet hatte.
Rebecca, die zu den Frauen gehört, mit denen ich sehr viel besprochen und die ich schonungslos ausgefragt habe, neigte dazu, sich
selbst herabzusetzen. Und zwar in jeder Hinsicht – von ihrem
Körperbau bis zu ihrer Karriere. Wie kam es, dass sie Flöten- und Klarinettenlehrerin von Viertklässlern geworden, aber niemals selbst aufgetreten war, außer in den Pausen der Vorspielauftritte ihrer Schüler?
Und wie, fragte sie sich außerdem, hatte sie es geschafft, sich ausgerechnet in Portland, Oregon, der Hipster-Metropole Amerikas, als spießige
Lehrerin wiederzufinden?
Außer ihrem Hang zur Selbstabwertung besaß Rebecca allerdings
auch die Qualitäten eines Stehaufmännchens. So kam es, dass die
neunundzwanzigjährige Geliebte auf dem Bildschirm zunehmend von
der Startseite einer Internet-Dating-Agentur verdrängt wurde.
Nacheinander traf Rebecca sich mit einigen Kandidaten. Und irgendwann war auch ein Mann darunter, den sie attraktiv und liebenswürdig
fand. Noch bevor sie mit ihm schlief, gestand sie ihm beim Abendessen
in einem Thai-Lokal etwas, wozu sie bei ihrem Ehemann 14 Jahre
benötigt hatte: Sie wollte es zu dritt mit einer Frau machen. Die Widersprüche der Studienergebnisse von Chivers und Fisher kümmerten sie
nicht. Warum sie so lange gewartet hatte, bis sie ihrem Mann diesen
Wunsch verriet, wusste sie selbst nicht zu sagen. Ja, es hatte sicher mit
Schüchternheit zu tun, aber sie vermutete, dass es eher an der

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Vorahnung lag, die sich als zutreffend herausstellen sollte: Ihr Mann
zeigte keinerlei Interesse an ihrem Wunsch. Wahrscheinlich, so dachte
sie, hätte eine andere Frau in ihrem Bett sein mangelndes Interesse an
ihr, Rebecca, unübersehbar gemacht.
Jedenfalls gefiel ihrem neuen Freund der Vorschlag mit dem Dreier.
Die beiden kamen jedoch zunächst nicht mehr auf die Idee zurück,
begannen miteinander zu schlafen und griffen das Thema erst ein paar
Monate später wieder auf. Rebecca sagte, dass sie es ihm überlassen
wolle, das Ganze zu arrangieren. Er erkundigte sich noch, ob sie irgendwelche bestimmten Vorstellungen habe. Sie hatte bislang nie einen
Dreier erlebt und war auch sonst nie mit einer Frau zusammen gewesen.
Allerdings hatte sie in der Tat gewisse Wünsche. Die Frau sollte eine andere Haarfarbe haben als sie selbst, nicht zu groß sein und eine ansehnliche Figur besitzen. Eine Weiße oder Latina mit – darauf war sie schon
seit Jahren fixiert – großer Oberweite. Mindestens Körbchengröße C,
aber echt.
Mit ihrem Freund scherzte sie darüber, dass ihre Vorstellungen
geradezu das Klischee von Männerwünschen erfüllten. Weil er so etwas
noch nie gemacht hatte, brauchte er eine Weile, aber irgendwann konnte er ihr Vorschläge unterbreiten. Er zeigte ihr ein Foto von einer
entsprechenden Dating-Seite, und sofort entwickelte Rebecca Fantasien
über die dort abgebildete Frau. Doch dann lief es mit den E-Mails nicht
so recht, und aus der ganzen Sache wurde nichts. Die beiden überlegten,
bei einer Agentur eine Prostituierte zu buchen. Im Verlauf dieses ganzen
Hin und Hers wurde Rebecca gelegentlich von Angst gepackt: Was,
wenn diese Frau sie zu alt und abstoßend fand? Doch ihr Freund beruhigte sie, und ihr Verlangen brachte schließlich ihre Befürchtungen
zum Schweigen. Und da sie erwogen, die andere Frau dafür zu bezahlen,
wurde Rebecca klar, dass in diesem Fall ihre eigene Attraktivität überhaupt keine Rolle spielen würde.

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Nachdem also ihre Kinder mit einem Babysitter versorgt waren, warteten sie schließlich in seiner Wohnung auf die Ankunft einer EscortDame, die sie beide online anhand von daumennagelgroßen Fotos ausgesucht hatten. Um als aufmerksame Gastgeber zu erscheinen und den
Eindruck von Prostitution ein wenig abzuschwächen, hatten sie Teelichter angezündet und eine gute Flasche Wein kalt gestellt. Doch
bereits nachdem es an der Tür geläutet und die beiden einen Blick
durchs Wohnzimmerfenster nach draußen geworfen hatten, ließen sich
die unangenehmen Seiten des Arrangements nicht länger ignorieren.
Trotz des hohen Preises war die Frau ziemlich hässlich und beleibt.
Rebecca flüsterte ihrem Freund zu, dieser Eindruck entstünde vielleicht
nur durch die Beleuchtung auf seiner Veranda und alles würde in Ordnung sein, sobald die Frau hereinkäme und sie anfingen. Insgeheim war
sie insofern erleichtert, als sie sich nun keine Sorgen mehr um ihr eigenes Aussehen machen musste. Doch als die Dame geradezu
schüchtern und eher wie ein Hausmädchen statt wie ein Callgirl im Flur
stand, wurde die Sache nicht besser. Die Frau schien mindestens zehn
Jahre älter als Rebecca zu sein. Nun überlegte Rebecca fieberhaft, ob sie
ihr Vorhaben durchziehen sollte, nur um die Prostituierte nicht zu
kränken. Es ging also nicht mehr darum, die Ausbeutung eines Körpers
irgendwie zu kaschieren, sondern darum, wie man es vermied, dieser
Frau mitzuteilen, dass ihr Körper nicht auszubeuten war.
Rebecca flehte ihren Freund an, die Sache irgendwie zu lösen. Daraufhin erzählte er der Frau, Rebecca fühle sich plötzlich kränklich und sei
zu ihrem Vorhaben nicht mehr aufgelegt. Diese Ausrede klang ungefähr
so überzeugend wie die von Rebeccas Schülern aus der vierten Klasse,
wenn sie auf ihrem Instrument nicht geübt hatten. Trotzdem lächelte
die Frau nachsichtig und schien die Geschichte entweder zu glauben
oder froh zu sein, dass sie nichts tun musste. Er gab ihr etwas Geld für
die Zeit, die sie aufgewendet hatte, und Rebecca verabschiedete sich

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überaus freundlich. Danach setzten die beiden sich vor seinen Computer
und staunten über den Unterschied zwischen dem Internetfoto und der
Frau in natura. Sie rätselten darüber, wie andere Kunden damit umgehen mochten oder ob das ein übliches Dilemma bei Escort-Services war
und wie sie es künftig vermeiden könnten. »Ich schätze, man muss einfach mehr Geld ausgeben«, sagte Rebecca.
Und das taten sie auch. Die zweite Frau war hübsch und jung. Auch
ihre Erscheinung wich von ihrem Foto ab, aber weniger dramatisch. Rebecca stürzte sich jedenfalls zwischen die Brüste, Schenkel, Lippen und
alle anderen Körperöffnungen der Frau, für die sie bezahlt hatten. Sie
verlor sich in Berührungen, Anblick und Gerüchen und war anschließend geradezu euphorisch. Zum einen, weil es ihr nach
jahrelanger Sehnsucht endlich gelungen war, die Schranken zwischen
ihrem Körper und dem einer anderen Frau zu überwinden, und sie in
dieser Hinsicht sozusagen ihre Jungfräulichkeit verloren hatte. Zum anderen hatte es ihr ganz abgesehen von diesem Durchbruch ein ungeheures Vergnügen bereitet, unter anderem die Brustwarzen der Prostituierten in den Mund zu nehmen.
Als Rebecca sich mit mir darüber unterhielt, meinte sie zwar, sie hoffe
auf einen weiteren Dreier und könne sich auch vorstellen, allein mit einer Frau zu schlafen, trotzdem hielt sie sich nicht für lesbisch oder bisexuell. Sie hatte keinerlei Zweifel daran, dass sie für eine Beziehung
Männer bevorzugte. In ihren sexuellen Fantasien kamen hauptsächlich
Männer vor, sie war nach wie vor mit demselben Freund glücklich und
hätte ihn auf keinen Fall durch eine Frau ersetzen wollen. Daraufhin
erzählte ich ihr von Meredith Chivers’ Ergebnissen mit dem Plethysmographen und bat sie um ihre Meinung dazu.
Lachend meinte sie, man sollte daraus nicht folgern, dass Frauen sich
insgeheim Sex mit Bonobos wünschten. Und es erschien ihr auch nicht
richtig, die meisten Frauen als bi zu betrachten, obwohl sich viele von

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ihnen, wie sie selbst, wünschten, mit Frauen zu schlafen, oder sich dies
wünschen würden, wenn sie sich nur selbst diese Erkenntnis erlaubten.
»Es ist schwer, die richtigen Worte dafür zu finden«, sagte sie. »Der
Begriff, der mir immer wieder durch den Kopf geht, ist eine Schwangerschaft des Wollens. Dabei ist Schwangerschaft kein so gutes Wort –
eben weil es Schwangerschaft bedeutet. Es geht ja darum, dass es immer
vorhanden ist. Oder immer bereit. Und so vieles auslösen kann. Dinge,
die man tatsächlich will oder auch nicht will. Schwanger. Erfüllt. Die
Schwangerschaft weiblichen Verlangens. Besser kann ich es nicht
ausdrücken.«
Fremder. Guter Freund. Langjähriger Sexualpartner.
Darauf konzentrierte sich ein neues Experiment, das Chivers bei
einem meiner Besuche gerade beendet hatte. Die Resultate ließen ihren
Puls schneller schlagen.
Und das passierte nicht allzu oft, denn die täglichen Mühen ihrer
Forschungsarbeit waren hart: Das Büro in Kingston besaß den Charme
einer Mönchszelle. Die rauen Betonwände waren fast nackt. Nur über
ihrem Schreibtisch hingen ein paar violette und grüne Kleckse, die ihr
kleiner Sohn gemalt hatte. An der Wand gegenüber befand sich ein
kleines Triptychon aus drei Fotos, die sie von Reliefs in einem indischen
Tempel gemacht hatte: Auf dem ersten Bild kopulierte ein Mann mit
einer Stute, während ein anderer masturbierte; auf dem mittleren leckte
ein Paar sich gegenseitig die Genitalien; das dritte Foto zeigte sieben
Menschen in orgiastischer Trance. So aufregend die Darstellungen auch
sein mochten, sie waren doch sehr klein und das Ganze dadurch leicht
zu übersehen. Die kahlen Mauern dominierten; die Ablenkung war minimal, und genau so wollte es die Wissenschaftlerin. So konnte sie sich
ganz auf den Kern ihres Interesses konzentrieren: den Dschungel weiblichen Verlangens.

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Eines Morgens an ihrem Metallschreibtisch und während das gedämpfte Novemberlicht durchs Fenster fiel, beugte sie sich über ihren
Laptop und durchforstete die Aufzeichnungen des Plethysmographen
im Rahmen ihrer jüngsten Studie. Ihre Augen folgten einer gezackten
roten Linie, die über den Bildschirm lief und Sekunde für Sekunde die
Durchblutung der Probandin wiedergab. Bevor Chivers die Daten mithilfe eines Computerprogramms verarbeiten und ihre Bedeutung
herauslesen konnte, musste sie irreführende Bestandteile eliminieren,
die etwa daher rührten, dass eine Teilnehmerin ihre Sitzposition
geändert und dabei eine leichte Kontraktion im Becken ausgelöst hatte,
die wiederum den Plethysmographen angestoßen hatte. So ein Ruck bei
den Aufzeichnungen konnte das Gesamtergebnis verzerren. Daher verfolgte sie langsam das zittrige Zickzackmuster der Linie und suchte nach
Stellen, wo eine ungewöhnliche Spitze sie vermuten ließ, dass hier keine
Erregung vorlag und das entsprechende Intervall für ihre Studie nicht
relevant war. Sie markierte und löschte so eine Aberration und suchte
dann mit leicht zusammengekniffenen Augen weiter. Etwa zwei Stunden
dauerte es, die Daten einer einzigen Probandin vorzubereiten. »Wahrscheinlich werde ich bald blind«, sagte sie zu sich selbst, während sie
auf eine weitere verdächtige Spitze starrte.
Sie war begeistert davon, was ihre Experimente enthüllten – und
begeistert davon, zur »wachsenden kritischen Masse« von Pionierinnen
zu gehören. Die Sexualforschung, diese erst im späten 19. Jahrhundert
gegründete wissenschaftliche Disziplin, war immer eine Männerdomäne
gewesen. Selbst jetzt waren weniger als ein Drittel der Mitglieder der angesehensten Organisation des Fachs, der International Academy of Sex
Research, Frauen. Und auch von den Mitarbeitern der Redaktionsleitung der Fachzeitschrift dieser Akademie – der auch Chivers angehörte
– waren weniger als ein Drittel weiblich. Vielleicht war deshalb die
weibliche Lust nicht mit annähernd so viel Energie erforscht worden wie

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die männliche. Eine von Chivers’ Heldinnen und eine der älteren Wissenschaftlerinnen auf diesem Gebiet, Julia Heiman, war Direktorin des
Kinsey Institute an der Indiana University. Sie berichtete mir, dass die
Sexologie sich noch dazu viele Jahrzehnte lang eher der Dokumentation
von Verhalten widmete, als die Gefühle zu erforschen, die diesem Verhalten zugrunde liegen, wie zum Beispiel Lust. Das Werk von Alfred
Kinsey offenbarte, ihrer Aussage nach, Mitte des Jahrhunderts nicht besonders viel zum Thema Verlangen. Kinsey hatte seine Karriere als Insektenforscher begonnen und zunächst Wespenspezies katalogisiert; er
hütete sich eher davor, Emotionen zu erforschen. William Masters und
Virginia Johnson filmten zwar Hunderte von Probanden beim Sex in
ihrem Labor, doch ihre Schlussfolgerungen konzentrierten sich eher auf
die konkrete Tätigkeit als auf das Verlangen. Erst ab den Siebzigerjahren begannen Sexualforscher, sich von Grund auf damit zu beschäftigen, was Frauen wollen, anstatt damit, was sie tun. Danach zog freilich
AIDS die Aufmerksamkeit der Fachrichtung auf sich. Prävention wurde
zum Hauptthema. Erst in den späten Neunzigern nahm man die umfassende Erforschung des Verlangens wieder auf.
In ihrem neuen Experiment spielte Meredith Chivers heterosexuellen
Probandinnen anstelle von Videos pornografische Tonaufnahmen vor.
Gewissenhaft wie immer und stets darauf bedacht, ihre Ergebnisse aus
einer anderen Perspektive zu bestätigen, wollte sie zum einen erfahren,
ob erzählte Geschichten eine andere Wirkung auf die Durchblutung, auf
das Bewusstsein und auf die Abweichung zwischen Plethysmograph und
Selbsteinschätzung hätten.
»Sie treffen den Immobilienmakler vor dem Haus. Er zeigt Ihnen das
leere Appartement …«
»Sie bemerken eine Frau im hautengen schwarzen Kleid, die Sie beobachtet … Sie folgt Ihnen. Sie schließt die Tür und sperrt sie ab …«

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Die Szenen, die sich die Probandinnen anhörten, variierten nicht nur
insofern, als ein Mann oder eine Frau die Verführerrolle übernahmen,
sondern es handelte sich entweder um Unbekannte, um Freunde oder
um einen langjährigen Geliebten bzw. eine Geliebte. Da gab es die Freundin im tropfenden Badeanzug neben dem Pool, den Mitbewohner
oder die fremde Frau in der Umkleidekabine. Alle wurden als attraktiv
beschrieben, die auffallenden Details waren vergleichbar: das Tempo
der Neunzig-Sekunden-Geschichten, das plötzliche Hartwerden der
Schwänze oder der Brustwarzen.
Als man das Material analysierte, war die Diskrepanz wiederum
dramatisch: Die Probandinnen gaben an, von den Szenen, in denen
Männer vorkamen, sehr viel stärker angesprochen zu werden als von
denen mit Frauen; der Plethysmograph bestätigte das nicht. Chivers war
von den Resultaten begeistert, diesmal jedoch aus einem anderen
Grund.
Die vaginale Durchblutung verstärkte sich, wenn Szenen mit Freundinnen geschildert wurden – bei weiblichen Fremden war sie jedoch
doppelt so intensiv. Männliche Freunde lösten, obwohl sie breitschultrig
waren, quasi gar nichts aus; die vaginale Erregung lag de facto bei null.
Männliche Fremde sorgten für eine acht Mal so starke Durchblutung.
Die Testpersonen behaupteten trotzdem, die Fremden hätten sie
unter allen Männern am wenigsten erregt. Der Plethysmograph bewies
das Gegenteil. Langzeitgeliebte, egal ob Männer oder Frauen, wurden
von unbekannten Männern und Frauen ausgestochen – und das, obwohl
die Langzeitpartner als traumhaft und perfekt geschildert wurden. Sex
mit Fremden löste dagegen die heftigsten Wallungen aus.
Das passte nicht besonders gut zu der allgemein verbreiteten Annahme, weibliche Sexualität gedeihe am besten durch emotionale Nähe,
gewachsene Intimität und ein Gefühl von Sicherheit. Stattdessen funktioniert es erotisch auf die wilde Tour am besten. Diese Vorstellung war

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zwar auch nicht mehr ganz neu, doch sie schien bislang eher die Ausnahme als die Regel zu sein: Das Unbekannte sage demnach nur wenigen Frauen zu; für die meisten sei es lediglich Stoff für gelegentliche
Fantasien. Hier lag nun der wissenschaftliche Gegenbeweis vor, Hinweise auf eine neue, unverblümte Norm.
Meredith Chivers’ Arbeit stützte nicht nur die These von der Kluft
zwischen Vagina und Verstand, sondern auch zwischen Realität und Erwartungen. Auch andere Wissenschaftler in ihrem Umfeld zogen lieb gewonnene Überzeugungen in Zweifel. Zum Beispiel diejenige, wonach
weibliche Sexualität weniger visuell ist als männliche. Kim Wallen, Professor für Psychologie an der Emory University, arbeitete mit der Sexologin (seiner ehemaligen Studentin) Heather Rupp vom Kinsey Institute
zusammen. Die beiden zeigten männlichen und weiblichen Probanden
erotische Fotos. Dabei maßen sie bis auf Hundertstelsekunden genau
die Zeit, bis die Zuschauer den Blick abwandten, um so deren Interesse
zu registrieren. Frauen sahen sich die Pornografie genauso lange an wie
Männer, schienen also genauso gefesselt davon.
Terri Conley, Psychologin an der University of Michigan, beschäftigte
sich über Jahre mit einer Reihe von Studien, die in den vergangenen 40
Jahren durchgeführt wurden und wiederholt belegten, dass Männer für
unverbindlichen Sex zu haben sind, Frauen dagegen mehrheitlich nicht.
Bei zweien dieser Experimente wurden Männer und Frauen – nach Beschreibung der Wissenschaftler handelte es sich um »durchschnittlich attraktive Menschen« um die 20 Jahre – auf einen College-Campus
geschickt, um 200 Personen des anderen Geschlechts Avancen zu
machen. Sie fragten entweder nach einer Verabredung oder »Würdest
du heute Abend mit mir ins Bett gehen?«. Bei der Verabredung willigten
jeweils etwa 50 Prozent der Männer oder Frauen ein. Doch fast drei
Viertel der männlichen Angesprochenen und keine der weiblichen wollten ins Bett. Diese Ergebnisse wurden immer herangezogen, wenn man

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zeigen wollte, dass zwischen männlichem und weiblichem Verlangen
nicht nur ein riesengroßer, sondern ein kategorischer Unterschied besteht. Terri Conley entwarf eine Versuchsanordnung, um sich dem
Thema auf andere Weise zu nähern.
Ihre 200 Probanden im College-Alter – allesamt heterosexuell – sollten sich Folgendes vorstellen: »Du hast das Glück, deine Winterferien in
Los Angeles zu verbringen. Eines Tages, nachdem du schon ungefähr
eine Woche dort verbracht hast, beschließt du, ein angesagtes Café mit
Meerblick in Malibu zu besuchen. Während du an deinem Drink nippst,
schaust du hoch und bemerkst, dass Johnny Depp nur ein paar Tische
entfernt sitzt. Du traust deinen Augen kaum! Noch erstaunlicher ist,
dass er deinen Blick auffängt und anschließend auf dich zukommt …«
»Würdest du heute Abend mit mir ins Bett gehen?«, fragt Depp die
Probandinnen. Nach ihm genauso Brad Pitt und Donald Trump. Die
Männer bekamen Avancen von Angelina Jolie, Christie Brinkley (Terri
Conley suchte das amerikanische Supermodel aus, um herauszufinden,
ob in einem Alter von über 50 der Appeal trotz der ausgesprochenen
Schönheit litt – offenbar nicht) und Roseanne Barr. Das Experiment ließ
gesellschaftliche Stellung genauso beiseite wie gesundheitliche Risiken,
denen eine Frau ausgesetzt wäre, die sich auf Sex mit einem Fremden
einlässt. Conleys Konstrukt setzte ausschließlich auf die Fantasie, die oft
eine klarere Sicht auf das Verlangen bietet. Die Testteilnehmer sollten
angeben, wie stark sie sich von den Avancen angesprochen fühlten. Die
Frauen waren ganz genauso begierig danach, sich mit Depp und Pitt einzulassen, wie die Männer nach Jolie und Brinkley lechzten. Sie waren
gleich lüstern, impulsiv und triebgesteuert. Trump fiel dagegen genauso
durch wie Barr.
Meredith Chivers fand bei ihrem nächsten Experiment etwas heraus,
das ihre bisherigen Resultate verkomplizierte. Doch es half auch, etwas

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aus der groben Darstellung weiblicher Lust, die ihre Arbeiten und die
ihrer Kollegen bis dahin erbracht hatten, herauszukristallisieren.
Dazu sollten heterosexuelle Frauen Bilder von männlichen und weiblichen Genitalien betrachten. Es gab vier Arten von Fotos: eines mit
einem schlaff herabhängenden Penis, eines mit einer strammen Erektion, ein drittes zeigte eine »züchtige« Vulva, die von Oberschenkeln
halb verdeckt war, das vierte Bild war ein »Schuss« zwischen die gespreizten Beine einer Frau, wie Chivers mit dem für sie typischen
trockenen Humor bemerkte. Bei allen vier Bildern handelte es sich um
Nahaufnahmen, auf denen vom restlichen Körper praktisch nichts zu sehen war. Und diesmal verstärkte sich die Durchblutung der Testteilnehmerinnen nicht wahllos. Vielmehr erhöhte sie sich sehr, sehr deutlich, wenn der erigierte Penis auf dem Bildschirm auftauchte. Damit war
nun paradoxerweise der Beweis dafür erbracht, dass Frauen eben doch
typentsprechend empfinden. Und es stimmte auch mit dem überein,
was Rebecca mir erklärt hatte, nämlich dass sie sich selbst nicht für bisexuell hielt; sie verspürte eine eindeutige Präferenz für Männer, obwohl sie zugleich ein deutliches Verlangen nach Frauen hegte. Und nicht
zuletzt passte dieses Ergebnis auch zu den schwachen Reaktionen der
Probandinnen in Chivers’ früherem Experiment auf den Adonis, der mit
baumelndem Penis am Strand entlangspaziert war. Offenbar hatte die
sichtbare Schlaffheit die Attraktivität seines übrigen Körpers neutralisiert. Eindeutiges Ergebnis also, am stärksten bringt der isolierte harte
Phallus die vaginalen Blutgefäße zum Schwellen, lässt die rote Linie des
Plethysmographen steil ansteigen, erledigt Details und kratzt an Konventionen: Die Lust der Frauen ist nichts anderes als durch und durch
animalisch.

3
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Das Märchen von der
weiblichen Sexualität

Die Geschichte der Sexualität, insbesondere die der weiblichen Sexualität, ist eine Disziplin der Bruchstücke. Bis auf wenige Ausnahmen sind
es zudem überlieferte Äußerungen von Männern, durch die wir uns ein
fragmentarisches Bild von weiblicher Lust in der Antike, im Mittelalter
und in der frühen Neuzeit machen. Solche Bruchstücke sind nur bedingt
aussagekräftig. Aber man kann doch sagen, dass sie sich in der Summe
zu einer Art Gleichgewicht – oder auch Ungleichgewicht – fügen: zwischen Akzeptanz und sogar einer Verherrlichung von Verlangen und
Trieb auf der einen und einer schier überwältigenden Furcht auf der anderen Seite.
So äußert sich eine Frau im biblischen Hohelied Salomos:
Ich schlief, doch mein Herz war wach.
Horch, mein Geliebter klopft:
Mach auf, meine Schwester und Freundin,
meine Taube, du Makellose!
Mein Kopf ist voll Tau

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aus meinen Locken tropft die Nacht.
[…] Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke;
da bebte mein Herz ihm entgegen.
[…] die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt.
Ihre Gluten sind Feuergluten,
gewaltige Flammen.
Von Angst ist hier nichts zu spüren, stattdessen herrliches, ja heiliges
Eindringen und Erbeben. Auch im Exodus (2. Buch Mose) wird weibliches Verlangen anerkannt: »Gibt er ihm aber noch eine andere, so soll
er an ihrer Nahrung, Kleidung und Eheschuld nichts abbrechen.« Im
Klartext heißt das: Auch wenn es eine zweite Frau gibt, steht der ersten
außer Essen und Kleidung auch sexuelle Intimität zu.
Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther: »Der Mann leiste dem
Weib die schuldige Freundschaft.« Modern ausgedrückt: Der Ehemann
soll seine Frau sexuell befriedigen.
Beständige Erregung und Verlangen liest man aus den in alter
Sprache überlieferten biblischen Geschichten. Ebenso aus Lyrik, Sagen
und Legenden sowie medizinischen Texten der Antike. »Eros quält mich
von Neuem mit Allgewalt, mit süßbitterem Zauber, der Wüterich«,
schrieb Sappho. Und Ovids Teiresias, der erst als Mann und dann als
Frau gelebt hat, erklärt, Frauen empfänden in der Liebe neunmal mehr
Lust als die Männer. Galen von Pergamon, Leibarzt römischer Kaiser
und großer Anatom der Antike, behauptet sogar, der weibliche Orgasmus sei für die Empfängnis nötig: Das beim Höhepunkt ausgestoßene
Sekret der Frau müsse sich mit dem des Mannes mischen. Die genaue
Beschaffenheit dieser Substanz scheint nicht weiter spezifiziert worden
zu sein, aber Ekstase – der Moment, der auch unserer gegenwärtigen
Definition entspricht – war in Galens Augen unerlässlich.

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Die nächsten anderthalb Jahrtausende und noch bis vor einigen Hundert Jahren bestimmte Galens Auffassung die Wissenschaft. Das
»gewisse Zittern« einer Frau galt Aetius von Amida, einem byzantinischen Arzt des 6. Jahrhunderts, als ein Schlüssel zur Zeugung. Der persische Gelehrte Avicenna, dessen Kanon der Medizin aus dem 11.
Jahrhundert in aller Welt studiert wurde, sorgte sich, dass ein kleiner
Penis ein Hinderungsgrund für die Fortpflanzung sein könne. Möglicherweise wäre die Frau davon nicht befriedigt und spüre nicht genug, um
in selige Zuckungen zu geraten, »weshalb sie kein Sperma ausstößt, und
wenn sie kein Sperma ausstößt, dann entsteht auch kein Kind«. Gabriele
Falloppio, der italienische Entdecker der Eileiter (Fallopischen Röhren)
im 16. Jahrhundert, wies darauf hin, dass eine missgebildete Vorhaut
den Orgasmus der Frau und eine Befruchtung verhindern könnte.
Wie konnte sich Galens Auffassung so hartnäckig halten? Die lange
Gültigkeit seiner Lehre erstaunt erst recht, wenn man bedenkt, dass
heutzutage nur etwa ein Drittel der Frauen angibt, ausschließlich durch
Penetration zum Höhepunkt zu kommen. Widmeten die Männer und
Frauen zu Galens Lebzeiten und noch lange danach der Klitoris
während des Geschlechtsverkehrs besondere Aufmerksamkeit? Waren
sie in den Möglichkeiten des vaginalen Orgasmus’ einfach versierter?
Die uns vorliegenden Bruchstücke geben darüber keine Auskunft. Aber
wenn man davon ausgeht, dass die sexuellen Fähigkeiten damals nicht
besser waren als heute, haben Frauen dann niemals von sich aus
geäußert, dass sie ohne das Zittern schwanger geworden waren? Hinweise auf und Theorien über Empfängnis ohne Lust gab es im Lauf der
Zeit durchaus, aber irgendwie wurden Galens Erkenntnisse trotzdem
nicht verdrängt. Im späten 16. Jahrhundert war ein Handbuch der Geburtshilfe mit dem Titel Aristotle’s Masterpiece, das Teiresias’ weibliche
Überlegenheit in Bezug auf die Ekstase wissenschaftlich bestätigte, in
England weitverbreitet. Zur weiblichen Rolle bei der Empfängnis heißt

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es darin: »Von Natur aus ist das Ausstoßen des Samens von viel Lust
begleitet, durch das Hervorbrechen schwellender Stimmung und Erstarren der Nerven.«
Trotzdem darf man dieses Eingehen auf die weibliche Sexualität,
angefangen bei der Bibel, nicht als vorherrschende Moral welcher
Epoche auch immer missverstehen. Die uralte Skepsis gegenüber weiblicher Lust und ihre Unterdrückung sind eine Geschichte, die hinlänglich bekannt sein dürfte. Da wäre zunächst Evas Rolle als erste Sünderin: Verführerin und Urgrund für die Vertreibung der Menschheit aus
dem Paradies. Und Tertullian, der erste Kirchenvater des Christentums,
der Evas Sündhaftigkeit auf alle Frauen übertrug. Es sei ihnen allen
bestimmt, »die Einfallspforte des Teufels« zu sein. Oder nehmen wir
Moses’ Niederschriften der göttlichen Warnungen im Leviticus. Als die
Juden auf ihrem Weg in das Land, wo Milch und Honig fließen, am Berg
Sinai lagern, steigt Gott in einer Wolke herab und macht nachdrücklich
klar, dass der Mittelpunkt der sexuellen Anatomie einer Frau von
Grauen überquillt, allmonatlich mit einem Blutfluss, der so monströs
ist, dass sie in Quarantäne muss: »Die soll sieben Tage unrein geachtet
werden; wer sie anrührt, der wird unrein sein (…). Und alles, worauf sie
liegt, solange sie ihre Zeit hat, und worauf sie sitzt, wird unrein sein.«
Die Litanei über den Makel dauert unerbittlich an bis zu dem Urteil,
dass jene, die den Fluss »aufdecken« und miteinander schlafen, vom
Stamm verstoßen und aus dem Volk Gottes ausgeschlossen werden.
Für die Griechen war Pandora die erste Frau. Von den Göttern aus
Lehm geformt. Ihre erotische Anziehung und Gefahr – ihr »schönes
Böses … geschmückt mit Pracht aller Art«, wie der Dichter Hesiod es
empfand, ihr »schamloser Geist und ihre falsche Natur« – machten sie
ebenso gefährlich wie Eva. Vor Lust trunkenen Hexen des Mittelalters
sagte man nach, sie hinterließen Männer »glatt«, also ihrer Genitalien
beraubt. Zu der langen Liste angeblich wahr gewordener Albträume,

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ausgelöst von weiblicher Fleischeslust, fügten französische und
holländische Anatomen des 17. Jahrhunderts noch hinzu, dass zu viel
Berührung aus der Klitoris einen ausgewachsenen Phallus mache und
aus Frauen Männer, die ihre früheren Geschlechtsgenossinnen
missbrauchten.
Aber selbst wenn man in der westlichen Welt vor der Aufklärung stets
die weibliche Leidenschaft gefürchtet, sie manchmal auch gepriesen und
in den Zwängen der Ehe sorgsam eingesperrt hatte – immerhin war zum
Zweck weiblicher wie auch männlicher sexueller Befreiung von Englands frühen protestantischen Geistlichen der eheliche Beischlaf sogar
exakt dreimal pro Monat verordnet worden, mit einer Woche Auszeit
während der Menstruation. Was dann im Zuge des Viktorianischen Zeitalters folgte, war der gezielte Versuch, diese Leidenschaft auszulöschen.
Erst kürzlich sind Historiker dahintergekommen, dass die Menschen im
viktorianischen Europa und Amerika gar nicht so prüde waren, wie wir
zu glauben geneigt sind. Was das weibliche Verlangen angeht, war es allerdings eine Zeit inbrünstiger Verleugnung. Wenn man alle Aspekte der
Geschichte bedenkt, gab es dafür unzählige Gründe. Eine Erklärung
lautet, dass um 1600 Wissenschaftler langsam mehr über das Ei und die
Rolle der Eizelle in der Fortpflanzung erfuhren. Langsam, Schritt für
Schritt, endete somit Galens Vermächtnis. So löste sich nach und nach
die Fähigkeit der Frauen zu entflammen von ihrer Fähigkeit, schwanger
zu werden. Die so lange herumspukende weibliche Libido wurde immer
unnötiger. Sie ließ sich vermeintlich folgenlos auslöschen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich die aufkeimende
Frauenbewegung und die Parolen evangelikaler Christen mit dem
Thema der unbescholtenen weiblichen Sittlichkeit. Beider Stimmen verschmolzen zu einem Chor und verstärkten einander gleichzeitig. Die
Feministinnen des 19. Jahrhunderts machten die Rettung der Menschheit, hier auf Erden und für immer, zu ihrer eigenen weiblichen Mission.

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Für die Christen stellte Fraulichkeit ein leuchtendes Vorbild dar. Die
Amerikanerin Eliza Farnham, die unter anderem Gefängnisse reformierte, predigte: »Die Reinheit der Frau ist der ewige Damm, gegen
den die Fluten der sinnlichen Natur des Mannes branden.« Ohne diese
weibliche Blockade würde »fatale Unordnung« herrschen. Und die pädagogische Pionierin Emma Willard verkündete, es sei Frauen bestimmt,
»um die heilige Mitte der Perfektion zu kreisen«, um Männer auf der
richtigen Bahn zu halten. Ein viel gelesenes amerikanisches Handbuch
für junge Bräute bringt den untrennbar verbundenen feministischen
und evangelikalen Geist zum Ausdruck: Frauen seien »von übermenschlicher Natur, erhoben zu engelsgleichen Wesen«.
Das hatte nicht mehr viel zu tun mit: »Von Natur aus ist das
Ausstoßen des Samens von viel Lust begleitet«. Eine natürliche,
geradezu fromme Keuschheit hatte die einst so selbstverständliche
Fleischeslust verdrängt. Die neue Rhetorik förderte und reflektierte einen Transformationsprozess. Mitte des 18. Jahrhunderts schrieb die
Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe ihrem Mann einen Brief über die
sexuellen Verfehlungen von Geistlichen überall in den östlichen Bundesstaaten. »Welch schrecklichen Versuchungen ist Dein Geschlecht
ausgeliefert – bis jetzt hatte ich das nie erkannt, denn ich liebte Dich
zwar, bevor ich Dich heiratete, mit einer schier wahnsinnigen Liebe,
doch ich kannte oder verspürte nie das Pulsieren, das mir gezeigt hätte,
dass ich in dieser Hinsicht versucht sein könnte. Nie gab es einen Augenblick, in dem ich irgendetwas empfand, womit Du mich vom Wege
hättest abbringen können, denn ich liebte Dich so, wie ich nun Gott
liebe.« Ungefähr zur gleichen Zeit erklärte der bekannte britische Gynäkologe und Sexualforscher William Acton, dass »zum Glück für die
Gesellschaft die Mehrzahl der Frauen von sexuellen Gefühlen jeglicher
Art kaum behelligt wird«.

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Abgesehen von der medizinischen Wissenschaft, vom Feminismus
und von der Religion hatte auch die industrielle Revolution immensen
Einfluss auf die westliche Vorstellung davon, was es bedeutete, weiblichen Geschlechts zu sein. Klassenschranken brachen nieder; Männer
konnten gesellschaftlich aufsteigen. Das verlieh der Arbeit und beruflichen Ambitionen einen Wert, den sie zuvor vielleicht noch nie besessen hatten, denn die Möglichkeiten waren quasi unbegrenzt. Und
Arbeit erforderte – um auf Freud zu kommen, der ein Mensch des
Viktorianischen Zeitalters war und auch wieder nicht – Sublimierung.
Lust und Eros mussten unterdrückt, die Libido auf Leistung ausgerichtet werden. Diese Unterdrückung, die Aufgabe umfassender
sexueller Restriktion, trug die viktorianische Gesellschaft in erster Linie
den Frauen auf.
Wie weit sind wir in den letzten rund 100 Jahren gekommen? In einer
Richtung so weit, dass wir das Viktorianische als Kuriosum der Vergangenheit betrachten; über die verkniffene Rechtschaffenheit lässt sich
heute leicht lachen. Das liegt an einer Entwicklung, die rasch von der
Verniedlichung oder Verleugnung weiblicher Sexualität fortführt, über
Freuds freimütige Erforschung weiblicher Lust, über die Unverfrorenheit des Jazz Age und die Schamlosigkeit der Flapper Girls. Sie führt
weiter zur Erfindung der Antibabypille, zu den gesellschaftlichen Umwälzungen der Sechzigerjahre und der sexuellen Revolution bis hin zu
Madonnas aggressiven konischen Brustpanzern und der pornografischen Selbstdarstellung unzähliger weniger berühmter weiblicher
Promis. Die entgegengesetzte Argumentation beginnt ebenfalls bei
Freud, und zwar in dem Teil seiner Schriften, der Frauen von Natur aus
einen schwächeren »sexuellen Instinkt«, ein geringeres Lustempfinden
attestiert, und führt weiter zu den Ratgeberbüchern nach dem Ersten
Weltkrieg, in denen es beispielsweise heißt, dass im Unterschied zu
praktisch allen Männern »die Zahl der Frauen, die sich nicht mit einem

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Partner zufriedengeben, verschwindend gering ist«. Aus den Vierzigerund Fünfzigerjahren kennt man die Geschichte von Alfred Kinsey, dem
die Forschungsgelder gestrichen wurden, nachdem er sich – unverzeihlich – von der Katalogisierung des männlichen Sexualverhaltens abgewandt hatte, um Das sexuelle Verhalten der Frau zu publizieren. Ab den
späten Sechzigern verbreitete der Bestseller Alles, was Sie schon immer
über Sex wissen wollten diese emotionale Gesetzmäßigkeit: »Bevor eine
Frau Geschlechtsverkehr mit einem Mann haben kann, muss sie gesellschaftlichen Verkehr mit ihm haben.« Und schließlich wäre da noch der
Zustrom aktueller Denkarten: verordnete Keuschheit vor allem von
Mädchen und jungen Frauen durch evangelikale Christen; Wellen von
Panik und sexuellem Protektionismus, die die säkulare Gesellschaft in
Bezug auf Mädchen, aber nicht auf Jungs, immer wieder erfassen; und
natürlich die weitverbreitete – aber spärlich belegte – These der Evolutionspsychologie, wonach Frauen, im Unterschied zu den auf die Jagd
nach Belohnungssex gepolten Männern, von ihren Genen gesteuert auf
der Suche nach Geborgenheit in einer Beziehung sind.
Diese Mischung ist vielsagend. In gewisser, aber grundlegender Weise
unterscheidet sich die viktorianische Vorstellung von Frauen und Sex
gar nicht so sehr von der unserer Zeit. Und die Wissenschaft – in diesem
Fall die Evolutionspsychologie – nimmt dabei einen merkwürdigen konservativen Einfluss. Der Mainstream der Evolutionstheorie erklärt geflissentlich unsere körperlichen Merkmale – vom opponierbaren Daumen über unsere aufrechte Haltung bis hin zur Struktur unseres Immunsystems. Die Evolutionspsychologie allerdings, ein in den letzten
Jahrzehnten blühendes Feld, versucht mit denselben darwinistischen
Prinzipien die Charakteristika der menschlichen Seele zu erhellen – von
unserer Bereitschaft zur Zusammenarbeit bis zu unseren Neigungen auf
einem der Hauptgebiete der wissenschaftlichen Forschung, dem Sex.
Die Ambitionen auf diesem Gebiet sind verführerisch und trügerisch.

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Verführerisch, weil sie zu versprechen scheinen, dass Darwins
großartige Logik uns ein allumfassendes Verständnis von uns selbst beschert; trügerisch, weil die Charakteristika so kompliziert sind und vielleicht in der Hauptsache doch eher von der Gesellschaft geprägt als von
ererbten Genen bestimmt sind. Evolutionspsychologen vertrauen absolut darauf, dass unsere Verhaltensmuster, Motive und Emotionen
primär Ausdruck unserer Gene sind. Was ist, so die Evolutionspsychologen, sollte – genetisch gesehen – auch so sein. Das gilt für die Tatsache,
dass unsere Daumen zum Greifen besonders nützlich sind, ganz
genauso wie für die – scheinbare – Tatsache, dass Männer das
lustvollere Geschlecht sind.
Die führenden Köpfe auf diesem Gebiet gestehen sozialem Lernen
oder Konditionierung keine große Wirkung zu. Würde sexuelle Freizügigkeit anstatt bei männlichen bei weiblichen Teenagern als normal betrachtet, würde man Mädchen dafür bewundern und das gleiche Verhalten bei Jungs billig und geschmacklos finden, würde man junge Frauen
und nicht junge Männer ermutigen, sich Kerben in den Gürtel zu ritzen,
wie würde sich dann das Leben von Frauen und Männern unterscheiden? Wie die äußere Erscheinung, die der Evolutionspsychologie
als unabänderlich gilt? Diese Art von Fragen interessiert Evolutionspsychologen wie David Buss, Professor an der University of Texas in Austin
und einer der bedeutendsten Sexualtheoretiker auf seinem Gebiet,
kaum. Er verweigert sich solchen Herausforderungen, indem er massenhaft Beweise dafür liefert, dass man überall auf der Erde männliche
Geilheit und weibliche Keuschheit feiert. In seinen Augen belegt diese so
weitverbreitete Haltung das vorher Festgelegte, genetisch Codierte. In
einem der akademischen Manifeste seiner Disziplin empfiehlt er, sich
die ideale Anzahl der Sexualpartner anzusehen, die Collegestudenten im
Hinblick auf ihr gesamtes Leben nannten; die wissenschaftliche
Auswertung ergab für die Männer einen deutlich höheren Wert als bei

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den Frauen. Und man solle die auf der ganzen Welt bevorzugten Partner
betrachten. Von Amerika bis Zentralafrika legen alle Kulturen bei den
Frauen großen Wert auf Jungfräulichkeit, Schicklichkeit oder wenigstens ein gewisses Maß an Zurückhaltung.
Belege wie diese findet man in Buss’ Veröffentlichungen zuhauf. Und
dann fügt er noch eine andere weltweit verbreitete Tatsache bei der
Partnerwahl hinzu: Von Amerika bis Zentralafrika werden gute finanzielle Aussichten bei Männern geschätzt. Damit kommt der Wissenschaftler auch gleich zu einer der zentralen Erkenntnisse der Evolutionspsychologie, die man als »Theorie des elterlichen Investments«
bezeichnet. Die Allgemeinheit mag überhaupt keine Bezeichnung dafür
kennen. Und den meisten sind ihre Einzelheiten vielleicht nur vage bewusst. Trotzdem hat sich die vermeintliche Gegebenheit aus den
akademischen Kreisen über die Medien bis ins allgemeine Bewusstsein
verbreitet. Sie wurde komplett übernommen, verinnerlicht und gehört
nun zum Allgemeinwissen. Die Theorie elterlichen Investments besagt
Folgendes: Männer verfügen über eine unbegrenzte Menge Sperma,
während Frauen nur eine begrenzte Anzahl von Eizellen haben. Daher
brauchen Männer nicht viel in die Fortpflanzung zu investieren,
während Frauen ja nicht nur eine Eizelle, sondern ihren Körper zur Verfügung stellen. Sie nehmen alle Risiken und Mühen von Schwangerschaft und Geburt auf sich, investieren anschließend in das Stillen (in
Form von Zeit, erhöhtem Kalorienbedarf und der geringeren Wahrscheinlichkeit, ein weiteres Kind zu empfangen). Wegen dieser ökonomischen Ungleichheit, die natürlich bei unseren prähistorischen Vorfahren mit ihrer ständig gefährdeten Existenz noch deutlich relevanter
war als bei uns heutigen Menschen, sind Männer schon seit Urzeiten darauf programmiert, ihr genetisches Erbe zu schützen und zu verbreiten,
indem sie ihren billigen Samen verbreiten. Frauen sind dagegen so
angelegt, dass sie ihre Investition maximieren, indem sie wählerisch

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sind und sich einen Mann sichern, der mit einiger Wahrscheinlichkeit
gute Gene hat und zugleich auch langfristig für sie sowie ihren Nachwuchs sorgt.
Das bestätigt sich, wo auch immer Untersuchungen gemacht wurden,
ob in Sambia, der Region Palästina, Australien, Amerika oder Japan.
Die streng ökonomische Ausrichtung dieser Theorie verleiht ihr einen
soliden, unbestreitbaren Anschein. Unser Lustempfinden, das unterschiedliche Verlangen, das wir bei den Geschlechtern beobachten, wirkt
wie eine unvermeidliche Manifestation evolutionärer Kräfte, die seit
Urzeiten wirken. Die Theorie vom elterlichen Investment befriedigt einen unserer dringendsten Wünsche: den nach einfachen Antworten auf
die Frage, wie wir zu dem wurden, was wir sind.
Dabei sind die Grundlagen dieser Theorie bestenfalls unsicher. Denn
sagt die Tatsache, dass man in Lusaka und New York, in Kabul und
Kandahar, in Karatschi und Kansas City von Frauen erwartet, das sittsamere Geschlecht zu sein, irgendetwas über unsere erotische Disposition aus? Könnte die verbreitete Wertschätzung weiblicher Zurückhaltung weniger den biologischen Fakten als vielmehr der weltweiten
Vorherrschaft männlich dominierter Gesellschaften, historischem
Argwohn und der Furcht vor weiblicher Sexualität geschuldet sein?
Und was ist mit Chivers’ Plethysmographen, der Augenscheinliches
zum Ammenmärchen degradierte? Was ist mit den Trieben, die sich
unter der Oberfläche verbergen, die innerhalb der sozialen Schranken
kauern? Die sexuellen Erkenntnisse der Evolutionspsychologie scheinen
manchmal nichts als ein konservatives Märchen zu sein, zwar nicht absichtlich konservativ, aber dem Geiste nach dennoch systemerhaltend,
den sexuellen Status quo untermauernd. Frauen sind, so lehrt uns
dieses Märchen, von Natur aus das zurückhaltendere Geschlecht; so
lautet die angeborene Norm, das ist normal. Und dem Normalen wohnt

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schließlich stets eine selbstbestätigende und sich selbst erhaltende Kraft
inne. Einfach weil nur wenige Menschen davon abweichen wollen.
Das weibliche Gehirn, einer der jüngsten Megaseller auf dem Gebiet
der populären Psychologie, beginnt mit Lektionen auf der Grundlage
der Theorie vom elterlichen Investment und eignet sich als Sinnbild
dafür, wie die Evolutionspsychologie ihre sexuelle Vision in der gesamten Gesellschaft verbreitet hat. Das Mädchengehirn sei eine für Beziehung und Bindung gebaute Maschine. Diese bestimme das Handeln
des weiblichen Menschen von Geburt an. Und zwar als Resultat
jahrtausendelanger genetischer und evolutionärer Prägung und Verdrahtung im Gehirn. Die Hirn-Maschine der Jungs ist dagegen ganz anders: gebaut für Lust und Ekstase.
Das Buch gibt, wie auch haufenweise andere aus dem Genre populärwissenschaftliche Psychologie, vor, seine Evolutionstheorie mit etwas
Konkretem, nämlich der funktionellen Magnetresonanztomographie
(fMRT) – also Bildern der aktivierten Hirnareale – zu untermauern.
Dabei wird diese Methode dem Anspruch nicht im Geringsten gerecht.
Man verbringt dabei viel Zeit in fMRT-Laboren, starrt mit Neurowissenschaftlern auf Monitore, während fMRT-Daten vom Gehirn des
Probanden an Laborcomputer übermittelt werden, und lauscht den Anstrengungen der Wissenschaftler, die Bilder von Hirnregionen auf ihren
Bildschirmen auslesen und analysieren. Fragt man unumwunden nach
dem Stand der scheinbar wundersamen Technik, deren Möglichkeiten
von den Medien so gern gehypt werden, dann stellt sich heraus, dass die
Technologie überhaupt nicht präzise genug ist, um die winzigen Subregionen und miteinander verknüpften Hirnsysteme zu unterscheiden
und zu erfassen, die unsere komplexen Gefühle steuern, darunter auch
das Verlangen nach Sex. Wenn wir in den Nachrichten oder einer Zeitschrift davon erfahren, dass »der Hippocampus aufleuchtete, als sich die
Testpersonen Fotos von …« ansahen, dann lernen wir dabei etwas, das

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ungefähr so spezifisch ist wie die Aussage eines Fernsehreporters, der
von einem Hubschrauber aus vermeldet: »Dichter Verkehr irgendwo im
Norden von New Jersey.« Wissenschaftler versichern mir immer
wieder, dass Bildbetrachtungen des Gehirns einfach keine Methode
sind, um auch nur irgendetwas Genaues über die Unterschiede zwischen
weiblicher und männlicher emotionaler Neurologie herauszufinden. Zumindest noch nicht. Außerdem eignet sich diese Technik vielleicht gar
nicht dafür, angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu
untersuchen. Denn Erfahrungen – Aktivität und Inaktivität, positive
und negative Verstärkung – verändern das Nervensystem ständig,
stärken etwas und dämpfen etwas anderes.
Behauptungen wie die in Das weibliche Gehirn – Beziehung kontra
Ekstase oder die Annahme, dass es für befriedigenden Sex einer Frau
warm und gemütlich sein muss und dass sie, das sei am allerwichtigsten, demjenigen vertrauen müsse, mit dem sie zusammen ist – weisen
verblüffende Ähnlichkeit mit den Lehren fundamentalistischer Christen
auf. Die weltlichen Argumente sind zwar etwas weniger extrem, doch die
Message ist identisch. In Materialien zur Gesundheitserziehung, die von
Evangelikalen zusammengestellt und in den letzten zehn Jahren in
Tausenden öffentlichen Schulen verwendet wurden, stehen in einer
Aufzählung der »fünf wichtigsten Bedürfnisse von Frauen« in der Ehe
ganz oben »Zuneigung« und »Gespräch«. Sex kommt gar nicht vor. Auf
der gegenüberliegenden Seite wird die Liste für die Männer angeführt
von »sexuelle Erfüllung«. In einer anderen Grafik mit dem Titel »Jungs
und Mädchen sind verschieden« steht bei den Mädchen ein Gleichheitszeichen zwischen »Sex« und »persönliche Beziehung«. Bei den Jungs
ist es durchgestrichen.
So wird also im Glauben an die Wissenschaft oder an Gott Mädchen
und Frauen erklärt, wie sie zu fühlen, was sie zu empfinden haben.

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Von Affen und Ratten

Ihr widerspenstiger rotblonder Schopf stand ein bisschen in die Höhe,
während Deidrah neben Oppenheimer saß. Sie liebkoste sein Ohr mit
ihren Lippen. Sie strich mit dem Mund über seine Brust, küsste seinen
Bauch immer wieder und ließ zwischendurch ihre Lippen dort verweilen. Schließlich richtete er sich auf und trollte sich von ihr und ihren
Liebesbezeigungen fort. Dabei schaute er jedoch über die Schulter
zurück, um zu sehen, ob sie ihm folgte. Genau das tat sie.
Deidrah, das wahrscheinlich schüchternste Affenweibchen im Gehege, begann wieder, sich an seinem weißhaarigen Torso zu schaffen zu
machen, während sie beide auf einer Betonmauer hockten. Das Gehege
war voll mit Leitern, Seilen und diversen Geräten. Auf einmal stürmten
drei Affenkinder auf eine Röhre zu, verschwanden darin, schossen auf
der anderen Seite wieder heraus und rasten, offenbar außer sich vor
Freude, zur nächsten Runde wieder nach vorn.
Von einer Plattform auf einem Stahlturm aus beobachtete ich die
Tiere zusammen mit Kim Wallen. Der Psychologe und Neuroendokrinologe mit dem silberfarbenen Bart und den strahlenden Augen hat schon
viel Zeit hier in Yerkes, einem Forschungszentrum der Emory University

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in der Nähe von Atlanta, verbracht, wo 2000 Primaten leben. Wir
schauten auf die 75 Rhesusaffen der Universität hinunter. Tiere dieser
Spezies wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren anstelle von
Menschen mit Raumschiffen ins All geschickt, um herauszufinden, ob
wir Reisen zum Mond überleben würden. Als Kind wuchs Wallen auf
einer Farm auf, wo sein Vater, ein Psychologe, sich entschloss, den
utopischen Traum von genossenschaftlicher Ziegenzucht zu verwirklichen. Damals begann Wallen, die Sexualität von Tieren zu beobachten.
Affen studiert er inzwischen seit Jahrzehnten.
»Weibchen waren passiv. So lautete die Theorie Mitte der Siebziger.
Das war die Erkenntnis«, erinnerte er sich an den Beginn seiner Karriere. Deidrahs Gesicht, immer ein bisschen röter als bei den meisten ihrer Artgenossen, leuchtete an diesem Morgen geradezu. Es wirkte vor
lauter Lust scharlachrot, als sie es von Oppenheimers Brust hob. »Das
vorherrschende Modell war, dass weibliche Hormone auf die weiblichen
Pheromone wirken – ihren Geruch verändern und damit ihre Attraktivität für Männchen. Das Männchen initiierte daraufhin die gesamte
sexuelle Aktivität.« Was die Wissenschaft unter den Affen erfolgreich
übersehen – und damit de facto ausradiert – hatte, war das weibliche
Verlangen.
Und man hatte noch mehr übersehen. In dieser Spezies, die unsere
Astronauten doubelte, sind Frauen die Rowdies und Mörder, die Feldherren brutaler Kriege, die Herrscher. In Zeitschriftenartikeln der
Dreißiger- und Vierzigerjahre war davon noch die Rede gewesen, doch
danach registrierte man es praktisch nicht mehr. Die Artikel gerieten in
Vergessenheit, und das entsprechende Verhalten wurde eigenartigerweise nicht wahrgenommen. »Es war ein solcher Schlag ins Gesicht der
herrschenden Vorstellung von der dominierenden männlichen Rolle«,
sagte Wallen, »dass man es einfach ignorierte.«

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Was die meisten männlichen Wissenschaftler erwartet hatten und
wohl auch sehen wollten, schien sie blind gemacht zu haben. Wallen
hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Fehlannahmen aufzuräumen. In diesem Moment kratzte unter uns ein Weibchen ein anderes
heftig, biss ihm ins Bein und schleuderte die schwächere Artgenossin
hin und her wie eine Lumpenpuppe. Grauenhaftes Geschrei war zu
hören. Vier oder fünf weitere Affen mischten sich ein, attackierten das
Opfer, das irgendwie entkam und davonrannte, bis es wieder
geschnappt wurde. Die Schreie wurden kläglicher, durchdringender. Die
Angreifer drängten sich, anscheinend mordlüstern, um sich dann unerklärlicherweise zu verlaufen. Es kommt oft zu solchen Auseinandersetzungen; Wallen und seinem Team sind die Gründe oft schleierhaft.
Zu großen Schlachten – wenn eine von einem Weibchen angeführte
Familie versucht, eine andere zu unterwerfen – kommt es dagegen selten. Wenn doch, gibt es oft Tote: aufgrund von Verletzungen und, wie
manche Tierärzte glauben, aus purer Angst und durch Schock. So hat
man aus dem Gehege schon öfter Kadaver geborgen.
Als er darüber nachdachte, dass die Wissenschaft so lange die Augen
vor der Lust der Affenweibchen verschlossen hatte, machte Wallen
dafür nicht allein vorgefasste Meinungen, sondern auch den Liebesakt
selbst verantwortlich. »Wenn man den Geschlechtsakt an sich betrachtet, ist leicht zu sehen, was das Männchen tut: Es dringt in das
Weibchen ein. Aber man muss sich wirklich auf die gesamte Interaktion
konzentrieren, um all das wahrzunehmen, was das Weibchen macht –
und wenn Sie das einmal wirklich bemerkt haben, werden Sie es nie
wieder übersehen.«
Deidrah befingerte Oppenheimers Bauch, streichelte ihn und bemühte sich verzweifelt um seine Gunst. Er ließ sich daraufhin nach vorn
sinken und blieb träge in einem Streifen Sonnenlicht liegen. Sie küsste
ihn, wo sie nur konnte, auch wieder aufs Ohr. Ihre Gesichtsfarbe grenzte

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inzwischen an Neon. Sie musste mitten im Eisprung oder kurz davor
sein, der Spiegel ihrer sexhungrigen Hormone war jedenfalls hoch. Was
ihren Zyklus und den Sex betrifft, liegen Affen zwischen den niederen
Säugetieren und dem Menschen: Die Paarung der Rhesusaffen beschränkt sich nicht auf die Zeit um den Eisprung, aber in der Regel ist sie
dann deutlich wahrscheinlicher.
Was sich zwischen Deidrahs Eierstöcken und ihrem Gehirn abspielt,
während sie Oppenheimer nachstellt und ihn streichelt, ist erst teilweise
geklärt, und wie die Biochemie auf das Verlangen von Frauen wirkt, ist
sogar noch komplizierter. Doch im Grunde regen Sexualhormone, die in
den Eierstöcken und den Nebennieren produziert werden – Testosteron
und Östrogen –, die primitiven Hirnareale an, Bereiche, die nicht weit
vom Hirnstamm entfernt liegen und bei allen Spezies, vom Homo sapiens bis zur Eidechse, vorhanden sind. Dieses Hormonbad wirkt auf die
komplizierten Systeme der Neurotransmitter, wie beispielsweise Dopamin, die innerhalb des Gehirns Signale übermitteln. Dadurch ändert
sich die Wahrnehmung, was – bei Menschen wie Affen, Hunden wie
Ratten – Lust erzeugt. Die Überzeugung, Tiere, insbesondere die
niedriger als Primaten entwickelten, empfänden keine Lust und ihre
Paarung sei so deutlich vorgezeichnet, dass sie praktisch als Sexautomaten agieren, ist falsch. Das sollte Jim Pfaus, ein Neurowissenschaftler
der Concordia University in Montreal, mir bald erläutern. Damals
bearbeitete Deidrah, auf der anderen Seite des Geheges, Oppenheimers
Ohr immer leidenschaftlicher mit ihrem Mund.
Massig und träge nahmen Oppenheimer und die anderen erwachsenen Männchen nicht in vollem Umfang am Alltag im Gehege teil. Sie gehörten auch zu keiner bestimmten Familie. Sie waren nur Erzeuger –
und ihr nebensächlicher Status entsprach ihrer männlichen Rolle in der
Wildnis. Dort, in den Bergen oder bewaldeten Niederungen Asiens,
lauern erwachsene Männchen am Rand der weiblich geführten Reviere.

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Die Weibchen laden sie zu sexuellen Zwecken ein. Dann bleiben sie –
begehrt, aber zugleich entbehrlich –, bis die Weibchen das Interesse an
ihnen verlieren. Danach werden sie verjagt und ersetzt. In seinen Gehegen tauscht Wallen die Erzeuger etwa alle drei Jahre aus. So lange
dauert es, bis die Männchen bedeutungslos werden, ihr Charme sich abgenutzt hat und die Häufigkeit der – fast immer von Weibchen initiierten – Kopulationen sinkt. In der Wildnis hält die männliche Attraktivität kaum länger.
»Rhesus-Weibchen sind sehr fremdenfeindlich, wenn es um andere
Weibchen geht«, sagte Wallen. »Bringt man ein neues Weibchen ins Gehege, wird es so lange gejagt, bis es stirbt. Handelt es sich dagegen um
ein Männchen, zeigen die Weibchen Appetit auf was Neues.«
Oppenheimer, der Rhesusaffe mit dem hellen Maul und dem rostroten Rücken, sprang noch ein weiteres Mal davon, und Deidrah folgte
ihm erneut. Eines ihrer Kinder, noch kein Jahr alt, beeilte sich, ihr
nachzukommen. Wallens Assistenten liebten Deidrah: ihren störrischen
Pelz, ihre Persönlichkeit, die stille Würde, die sie – wenn auch nicht
gerade in diesem Moment – meist ausstrahlte, und ihre Hingabe als
Mutter. Im Jahr zuvor hatte ein Aufruhr im Gehege sie und ihre Kinder
gefährdet. Fürchterlich verängstigt klammerten sich die Kleinen an sie
und ließen sie gar nicht mehr los. »Sie konnte sich wirklich kaum auf
den Beinen halten, ohne von ihren Kindern heruntergezogen zu werden«, erklärte Amy Henry, eine Assistentin. »Eines klammerte sich sogar an ihren Schwanz. Sie ließen sie einfach nicht los. Sie meisterte das
alles würdevoll. Dass es in ihrer Verantwortung lag, ihnen zu versichern,
alles sei wieder gut, schien sie zu wissen. Sie war immer ein zurückhaltender Affe. Nur wenn sie Nachwuchs bekommt, wird sie sehr aufgeregt.
Und sie ist dann ausgesprochen anhänglich. Ich habe beobachtet, wie
sie ihre Tochter sehr lange auf dem Rücken trug, nämlich bis sie ein
neues Baby bekam. Das tun nicht alle Affenmütter.«

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Aber solange sie sich darauf konzentrierte, Oppenheimer zu verführen, war ihr Mutterinstinkt verschwunden. Sie schien ihr Kind weder
zu sehen noch zu erkennen. Immer wieder ließ sie es allein, und es
musste ihr hinterherflitzen. Sie kauerte sich vor Oppenheimer und
schlug Stakkato mit einer Hand auf den Boden. Diesem unablässigen
Klopfen der Rhesusaffen würde es beim Menschen etwa entsprechen,
wenn eine Frau den Gürtel eines Mannes öffnet. Trotzdem hatte ihre
Geste etwas Zögerliches. »Sie ist vorsichtig, weil alle Weibchen rundherum im Rang über ihr stehen«, erläuterte Wallen. Sollten diese aus irgendeinem Grund nicht wollen, dass sie mit ihm Sex hat, könnten sie
und ihre Familien Deidrah beißen und zu Tode hetzen.
Wallen hatte in den Siebzigerjahren die Rhesus-Weibchen als Aggressoren beim Sex erkannt, nachdem er ein Verhaltensmuster genauer
beobachtet hatte, das ihm schon an der Graduate School aufgefallen
war. An seiner Universität hatte man erwachsene Affen paarweise – je
ein Männchen und ein Weibchen – in Käfigen von drei mal zweieinhalb
Metern gehalten. In einem Labor in Großbritannien, von dessen Arbeit
er gelesen hatte, waren die Käfige deutlich kleiner. Auf beiden Seiten des
Atlantiks hatte man den Weibchen die Eierstöcke entfernt, denn die
Wissenschaftler zählten die Kopulationen ohne den Einfluss der Ovarhormone. Wallen, der über die unterschiedlichen Ergebnisse sinnierte,
war von der Tatsache fasziniert, dass in dem kleineren Käfig mehr Sex
stattgefunden hatte. »Also prüfte ich die Fachliteratur auf eine Reihe
ähnlicher Tests in verschieden großen Käfigen, und die Proportionalität
war ziemlich klar. In den kleinsten Käfigen hatte es am häufigsten, in
den größten am seltensten und in den Käfigen mittlerer Größe mittelviel
Sex gegeben.«
Bald kam Wallen nach Yerkes und beobachtete dort die Rhesusaffen
in dem großen Gehege – dessen Größe natürlichen Bedingungen schon
eher entsprach. Dabei kam ihm mit der Zeit der Gedanke, wie die

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beengten Käfige vieler Experimente dazu beigetragen hatten, die anerkannte Vorstellung der Sexualität von Affen zu formen: indem man
die weibliche Rolle herunterspielte und die Wahrheit verzerrte.
Steckte man ein Männchen und ein Weibchen in einen kleinen Käfig,
würden die beiden – unabhängig vom Hormonstatus des Weibchens –
viel Sex haben. Das lag, wie Wallen erkannte, zum Teil auch daran, dass
die Nähe der beiden zueinander die Art von Verfolgung widerspiegelte,
die Deidrah betrieben hatte. Diese sexuellen Signale, hervorgerufen
durch die beengten Verhältnisse, motivierten die Männchen zum Sex.
Dabei schienen diese die treibende Kraft zu sein. Betrachtet man die
Rhesusaffen in einer natürlicheren Situation, dann wird Sex fast ausschließlich durch die Nachstellung des Weibchens, ihre unermüdliche
Annäherung, ihr Küssen und Streicheln, ihr Klopfen und ihr Verlangen
ausgelöst. Ohne ihre Flut von Ovarhormonen, ohne die Aktivierung
ihres Gehirns, käme es gar nicht zur Kopulation.
Sind die Weibchen auch bei den meisten anderen Affenarten die
treibende Kraft, wenn es um Sex geht? Die Antwort kennt man noch
nicht, meinte Wallen. Die Wissenschaft ist hier noch nicht weit genug.
Kapuzineräffchen, Tonkean-Makaken, Schweinsaffen – er nannte mir
diese drei Spezies, bei denen die Weibchen den Männchen nachstellen.
Mit ihren langen, schwingenden Schwänzen und pechschwarzen
Gesichtern legen sich auch die Langur-Weibchen massiv ins Zeug. Unter
den bulligen Orang-Utans hat man in den späten Achtzigerjahren erstmals Szenen wie diese dokumentiert: Männchen liegen auf dem Rücken,
zeigen den Weibchen ihre Erektion und bleiben ansonsten passiv; die
Weibchen nähern sich, besteigen die Männchen und nehmen sich, was
sie wollen. Und bei den Bonobos mit ihren seltsamen Scheiteln und dem
Ruf, untreu zu sein, initiieren die Weibchen gierig Sex mit den Männchen, aber auch untereinander.

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Nachdem Deidrah weiter ihren verrückten Morsecode auf den Boden
geklopft hatte, griff Oppenheimer sie sich endlich. Er stellte sich hinter
sie, legte die Hände an ihre Hüften, und plötzlich bekam sie, wonach sie
verlangt hatte, seine schnellen Stöße. Hastig drang er immer wieder in
sie ein. Dann hielt er inne, zog sich kurz aus ihr zurück, berührte ihre
Flanken und stieß dann zu einer neuen Runde wieder in sie hinein. Er
krümmte sich und zog sich noch mehrmals zurück. Als er mit zitternden
Schenkeln und verdrehten Augen kam, krampfte sie sich zusammen,
wandte ihm das Gesicht zu, schmatzte hektisch mit den Lippen und griff
hinter sich, um ihn zu packen und heftig an sich zu reißen.
Ihre Erfüllung war nur von kurzer Dauer. Minuten später verfolgte sie
ihn schon wieder. Unter anderen Umständen hätte sie sich vielleicht
einem anderen Männchen zugewandt. »Die Rhesusaffen-Weibchen
haben Sex«, erläuterte Wallen, »und wenn die Männchen in diesen
postejakulatorischen Schlummer fallen, was tun sie dann? Sie rappeln
sich sofort auf, ziehen los und finden einen Neuen.« Während er die
Aktivitäten im Gehege beobachtete, fragte er sich wie schon so oft: Ob
die Libido von Frauen einem ähnlichen Trieb folgt und ob »wegen
gesellschaftlicher Konventionen und Gebote Frauen oft passiv bleiben
oder die Intensität ihres Verlangens – dem die Affen einfach nachgeben
– nicht einmal wahrnehmen«. Er gab die Antwort selbst: »Ich bin mir
ziemlich sicher, dass es so ist.«
Wallen wollte freilich keineswegs Rhesusaffen mit Menschen gleichsetzen. Einer der Unterschiede ist die Wirkung des Eisprungs, der bei
Frauen eine sehr viel subtilere Rolle spielt. Wallen und seine ehemalige
Doktorandin Heather Rupp hatten versucht, herauszufinden, wie die
Hormone im Zyklusverlauf die lusterzeugenden Neurotransmitter genau
anregen. Im Rahmen einer Studie hatten sie drei Gruppen heterosexueller Frauen Hunderte ähnlicher pornografischer Bilder gezeigt –

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darauf waren immer Frauen mit Männern zu sehen –, und zwar in drei
Runden, jeweils zu unterschiedlichen Zeiten im Zyklus der Teilnehmerinnen. Wallen und Rupp benutzten als Maß für das Interesse einer
Probandin die Dauer, während der sie ein Bild betrachtete. Ein Ergebnis
war vorhersehbar: In der ersten Runde schauten diejenigen, die nahe
am Eisprung waren, am längsten hin. Erstaunlich war dagegen etwas
anderes. Dieselben Frauen, die sich in der ersten Runde in der Zyklusmitte befunden hatten, wenn Testosteron und Östrogen ihr höchstes
Niveau erreichen, blieben interessiert, auch als sie zur zweiten und dritten Runde ins Labor zurückkehrten, obwohl ihr Hormonspiegel sank.
Diejenigen, deren erste Betrachtung bei niedrigerem Hormonspiegel
stattfand, entwickelten auch um den Eisprung herum kein ausgeprägteres Interesse. Sie blieben weiterhin weniger erregt. Vielleicht, so
meinte Wallen, habe hier eine Art konditionierte Erregung oder
Gleichgültigkeit gewirkt. In den späteren Runden, vermutete er, hätten
die Probandinnen die Laborumgebung, das Equipment, die pornografischen Bilder immer noch unbewusst mit ihren Reaktionen bei der ersten
Betrachtung verknüpft.
»Die Lehre daraus«, erklärte Wallen lachend, »treffen Sie niemals
eine Frau zum ersten Mal, wenn sie sich gerade in der falschen Zyklusphase befindet. Das können Sie nie mehr ausbügeln.«
Auf der Plattform über dem Gehege kamen wir erneut auf die Primatenforschung zu sprechen und auf die Erkenntnisse, die wir unseren
tierischen Vorfahren verdanken. Wallen sprach von Deidrahs überschwänglichem Verlangen und dessen Beschränkung bei Frauen – über
ein allgemeines Gefühl von Gefahr, eine halb bewusste Furcht vor
sozialer Ausgrenzung, die hinter dieser Selbstbeschränkung steckt.
Schon beim Zuhören dachte ich über historische Ängste, über Archetypen von »Fleischeslust« nach: über Hexen, deren Bösartigkeit »von

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der Fleischeslust herrührt, welche bei Weibern unersättlich ist«, wie es
in der Doktrin der Inquisition hieß, »der Mund des Schoßes … niemals
gesättigt … darum verkehren sie, um ihre Lust zu stillen, sogar mit
Teufeln«; über Eva, auf deren Sündhaftigkeit das gesamte Christentum
aufgebaut ist, für deren Verfehlung der Sohn Gottes sterben, sich selbst
opfern muss, damit die Menschheit eine Chance zur Versöhnung
bekommt. So sieht die Grundlage der in unserer Gesellschaft
vorherrschenden Religion aus; das ist in unsere kollektive Psyche eingebettet. Ich musste auch an die Monogamie denken: an unsere vage Vorstellung, wonach diese uns vor gesellschaftlichem Chaos schützt, und –
als verzweifelte Umkehr unserer Ängste – dass die weibliche Libido beschränkt ist und Frauen die natürlichen Hüterinnen der Monogamie
sind. So schaffen wir es, unsere Ängste zu bändigen.
Warum hat es die Theorie vom elterlichen Investment, die ihren Anfang in eher obskuren akademischen Veröffentlichungen nahm, im Lauf
der letzten Jahrzehnte geschafft, quasi Allgemeingültigkeit zu erlangen,
während die Realität unter Affen, die Fakten bezüglich unserer Vorfahren, viel weniger Verbreitung fanden? Wir haben uns wohl die wissenschaftlichen Einschätzungen angeeignet, die uns beruhigen; das, was
wir hören wollten.
»Dieses Organ dient einem Lustgott«, ließ Jim Pfaus mich wissen. Er
hielt die Plastiknachbildung eines menschlichen Gehirns in der Hand.
Der lebhafte Wissenschaftler trug einen Van-Dyck-Bart und einen Ring
im Ohr. Sein Fachwissen als Neurowissenschaftler und sein Labor an
der Concordia University sind jedes Mal gefragt, wenn große Pharmakonzerne an Ratten ein neues Präparat testen wollen, das ein Aphrodisiakum für Frauen sein könnte – bis jetzt hat allerdings noch keines
gewirkt. Sein Labor befindet sich im Keller der Universität. Dort studiert
er seine Ratten in verschiedenen Käfigen und entnimmt ihnen auch

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chirurgisch das Gehirn. (Ein Rattenhirn ist ungefähr halb so groß wie
ein menschlicher Daumen.)
Pfaus war fasziniert davon, wie Ratten sehen und fühlen, lernen und
lieben, und wenn er zum Beispiel erforschen wollte, welche Gruppe von
Neuronen durch eine bestimmte Stimulation aktiviert wurde, etwa
durch kopulationsähnliche Berührung des Muttermunds oder durch den
erregenden Anblick eines attraktiven Männchens, dann ging er folgendermaßen vor: Er setzte ein Rattenweibchen genau diesen Bedingungen
aus, tötete es, entnahm das Gehirn, fror es ein und benutzte später eine
Schneidemaschine, wie man sie in größerem Format aus jeder Metzgerei
kennt. Damit erhielt er unglaublich dünne Scheiben, die er anschließend
unter dem Mikroskop betrachtete. Winzige schwarze Punkte verrieten
ihm, wo zuletzt neurale Aktivität stattgefunden hatte, weil die Zellsignale quasi als Nebenprodukt bestimmte Eiweißmoleküle erzeugen.
Es ist übrigens einer Frau zu verdanken, dass Pfaus, der in seiner
Freizeit Sänger einer Punkbank namens Mold ist, sich überhaupt auf
diesen Bereich spezialisiert hat. Bis in die späten Siebziger beschäftigten
sich Wissenschaftler nicht mit dem sexuellen Verlangen von Rattenweibchen. Sie bemerkten es nicht, also existierte es gar nicht. Wie bei
den Rhesusaffen war man darauf fixiert, was das Rattenweibchen beim
Geschlechtsakt selbst tat, nicht darauf, was es tat, um diesen zu erreichen. Und beim Akt selbst erstarrt es. Und zwar in einer Haltung mit
durchgedrückter unterer Wirbelsäule und hochgerecktem Hinterteil,
damit das Männchen es penetrieren kann. Geschlechtsverkehr unter
Ratten erfordert eine Totenstarre des Weibchens. Die war leicht misszuverstehen als absolute Passivität, Willenlosigkeit. Als wäre das
Weibchen nur ein Gefäß, dessen unwillkürlich abgesonderter Geruch
das Männchen anlockt. Ähnliche wissenschaftliche Ignoranz hat unsere
Vorstellung von den Weibchen praktisch im gesamten Tierreich geprägt.
Der Schlüsselbegriff lautet dabei »Aufnahmebereitschaft«.

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Doch dann sorgte Martha McClintock ähnlich wie ihr Kollege Wallen
dafür, dass die Wissenschaft genauer hinsah. McClintock hatte sich
schon einige Jahre zuvor einen Namen gemacht, als sie noch am
Frauencollege Wellesley studierte. Dort hatte sie die These aufgestellt,
dass Frauen, die in gewisser Nähe zueinander leben, gegenseitig auf die
hormonellen Duftstoffe reagieren und sich in der Folge ihre Menstruationszyklen angleichen. Ihre Arbeit wurde damals in der renommierten
Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Als Nächstes richtete sie ihr Augenmerk auf das Werben weiblicher Ratten, auf die besonderen Hüpfer
und Sprünge, ihre Kopfbewegungen und Tänzeleien – lauter Tricks, um
das Männchen dazu zu bringen, seine Pfoten auf ihre Flanken zu legen
und sie dort so zu bearbeiten, dass sie sofort wie hypnotisiert erstarren,
und schließlich in sie einzudringen. Während Pfaus und ich vor einer
Batterie seiner Plexiglas-Käfige darüber sprachen, ging eines seiner
Weibchen sogar noch weiter als üblich. Weil sie es wohl mit einem
phlegmatischen, sexuell desinteressierten Männchen zu tun hatte, stellte sie sich dahinter, bestieg ihn und bewegte sich, als würde sie es vögeln
– wohl um seine Fantasie anzuregen. Wie konnte es sein, sinnierte
Pfaus, dass die Wissenschaft davon noch nichts bemerkt hatte?
McClintock dokumentierte auch, dass sich das Weibchen, sofern der
Käfig ihm diese Möglichkeit bot, seinem Partner immer wieder entzog,
während er schon voll zugange war, vermutlich, damit der Sex für es
nicht zu schnell vorbei war. Sofern die Umstände es erlauben, kann man
bei Ratten wie bei Affen beobachten, dass die Tiere Kontakt aufnehmen,
kopulieren, sich voneinander lösen und wieder zusammenkommen, bis
das Männchen ejakuliert. Experimente haben gezeigt, dass es Rattenweibchen gefällt, den Vorgang zu verlängern, zumindest stärker, als es
das Männchen anstreben würde. All dies, das Werben und die Vorliebe
für in die Länge gezogenen Verkehr, deutet auf Willen und Verlangen
hin.

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McClintock sah den Grund dafür, dass das Weibchen das Tempo der
Paarung kontrolliert, die Stimulation verlängert und den Rhythmus erreicht, der ihm zusagt, darin, dass sich so die Wahrscheinlichkeit einer
Trächtigkeit erhöht. Und zwar beträchtlich. Pfaus meinte, die zusätzlichen Stöße erzeugen Kontraktionen, die den Spermien auf dem Weg
zur Gebärmutter helfen. Und die tieferen Stöße – da die männliche
Ratte, nachdem sie an der Ejakulation gehindert wurde, heftiger zustößt
– bearbeiten den Gebärmutterhals derart, dass dieser Hormone abgibt,
die einem befruchteten Ei die Einnistung erleichtern.
Dabei ist Trächtigkeit, laut McClintock und Pfaus, eindeutig kein
Motiv der